Wege für ein Mit – und Füreinander; Freie Kinder- und Jugendarbeit am RSI in Kassel

Grundlage unserer Spielgruppenarbeit in den sozialen Brennpunkten der Stadt Kassel ist die Waldorfpädagogik, die ja von ihrem Grundkonzept her bemüht ist, für die verschiedenen Lebensabschnitte entsprechend verwandelt, Erkenntnisse und Fähigkeiten durch praktisch-künstlerische Arbeit und Übung zur Entwicklung zu bringen. Seit dem Beginn der sozialpädagogischen Ausbildung zum Erzieher in Kassel ist es das besondere Anliegen des Studienganges, die angehenden Erzieher während der Ausbildungszeit für diese Aufgaben der sozialpädagogischen Praxis vorzubereiten und Handlungsqualifikationen zu vermitteln (Konferenzarbeit, Elternarbeit, Gesprächsführung, Praktikantenanleitung, Buchführung, Organisation, Recht, Verwaltungsarbeit, Kollegiumsarbeit, Gruppenführung, Kinderbeobachtung, Umgang mit Konflikten, selbstbezogenes Lernen usw.). Aus dieser Idee entstand die Initiative zu einer offenen Kinder- und Jugendarbeit. Jeweils für ein Jahr innerhalb der zweijährigen Seminarausbildungszeit übernehmen angehende Erzieher/Innen die Führung von Kindergruppen in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern der Stadt Kassel. Betreuung, Anleitung und Führung in den Planungsaufgaben wird kontinuierlich durch die Dozenten des Rudolf-Steiner-Instituts geleistet.

Methodischer Ansatz und Ziele

Der didaktische Aufbau, die Inhalte und die Atmosphäre der Spielgruppennachmittage sind darauf ausgerichtet, den Kindern einen Ausgleich und Ergänzung zur schulischen Arbeit und dem Leben zuhause zu ermöglichen und ihre ‚freie‘ Zeit mit sinnerfüllten Anregungen und Aufgaben zu gestalten. Um Handlungs- und Bewegungshemmungen abzubauen, legen wir großen Wert auf künstlerische und handwerkliche Tätigkeiten, durch die den Kindern die Erfahrung vermittelt wird, dass man etwas schrittweise erreichen kann, dass man Misserfolge nicht nur als Rückschläge erlebt, sondern als aufschlussreiche Lernschritte.

Freiheit und Ermutigung im Werkprozess ermöglichen den Kindern eine individuelle Arbeitsgeschwindigkeit. Das Grundkonzept und die sozialen »Spielregeln« sollen mit Deutlichkeit durch die Erzieher/Innen gesetzt werden. Durch die Gewöhnung an einen bestimmten Zeitablauf während des Nachmittags entsteht Sicherheit bei den Kindern. Zu den Aktivitäten gehören neben den handwerklich-künstlerischen Arbeiten viele Bewegungsspiele, Reigen und Tänze. Großer Wert wird auf eine gemeinsame Mahlzeit gelegt. Sie wird von den Kindern oft mit vorbereitet und in einer angestrebt ruhigen Stimmung verzehrt. Den Abschluss der Nachmittage kann ein Puppenspiel oder das Erzählen von Geschichten sein, die altersspezifisch auf verschiedene Erzählstoffe zurückgreifen. Die Kinder hören Märchen, Sagen, Legenden, oder individuell entwickelte ‚sinnige Geschichten‘. Die Fähigkeit, aus einem bloß gehörten Wort eine befriedigende Vorstellung zu bilden, ist bei vielen Kindern nur schwach ausgebildet. Bei zugewandter Erzählweise, gerade auch im Puppenspiel, und guten »Stoffen« entsteht jedoch nach kurzer Zeit eine innige Erzählrunde. Nach einer Woche kann deutlich werden, in welchem Umfang und wie intensiv die Kinder diese Inhalte aufgenommen haben.

Über das Jahr ist ein Teil der Aktionen darauf ausgerichtet, bestimmte Dinge so zu üben (z. B. Lieder, Tänze, Spiele), dass damit unter Umständen ein Fest vorbereitet werden kann. So ist im Laufe der Jahre eine Tradition entstanden, aus der man auf vielfältige Erfahrungen in der Gestaltung und sozialen Wirksamkeit (die Eltern sind eingeladen) zurückblicken kann. Diese Festgestaltungen geben zudem die Möglichkeit, den stets multikulturellen und damit sozialintegrativen Charakter unserer Arbeit zu pflegen und auszubauen.

Die Spielgruppenarbeit ist öffentlich. Die Kinder werden in Abstimmung mit Kasseler Grundschulen, Förderschulen, Horten, Tageseinrichtungen angesprochen. Die Spielgruppenarbeit leistet einen Beitrag zur Stadtteil-Sozialarbeit, insofern sie ja in »sozialen Brennpunkten« (in Bürgerhäusern, im Asylheim, in Schulen für Erziehungshilfe usw.) stattfindet und den Kindern dort eine produktiv geführte Freizeitgestaltung anbietet. Zudem besteht ein guter Kontakt zum Jugendamt der Stadt Kassel, das unsere Arbeit hilfreich unterstützt.
Die ‚Ankunft der Zukunft‘ mit ihrer multiethnischen Bevölkerungsveränderung durch die Menschenströme nach Europa brachte nie dagewesene Impulse in die sozialpädagogische Arbeit des Rudolf Steiner Instituts: Im Zusammenhang mit einem Thementag im Herbst 2015 „Asyl – ein Menschenrecht“, zu dem Vertreter des Regierungspräsidiums, Flüchtlinge, ein Integrationsbeauftragter des Landkreises Kassel und andere Teilnehmer geladen waren, entstand die Initiative, über die bestehende Arbeit in den Asylheimen hinaus in mehreren Erstaufnahmeeinrichtungen tätig zu werden… Zelte, Hallen mit bis zu 400 Menschen vieler Nationen… „Ich bin aufgewühlt, bewegt, erfüllt, erschöpft. Was für ein Tag, was für eine Woche. Ich habe das Bild vor Augen, wie wir die Unterkunft verlassen haben und an den Fenstern Bewohner standen aus Syrien, Eritrea, dem Iran, Irak… Und zum Abschied winkten. Ein kleines syrisches Mädchen, welches so still, zurückgezogen, verunsichert ist… kommt aber, sobald wir die Tür zu unserem Raum aufschließen und weicht nicht von unserer Seite – ein deutlichen Zeichen!“

Im täglichen Ringen um das Weiterleben wird das Neue eine Schöpfung aus dem Nichts, geboren. Hier gewinnen die Auszubildenden im Zusammenhang mit dem Unterrichten, vor allem aber darüber hinaus völlig neue Einsichten: von Miteinander, von Wertschätzung, von Anerkennung, von Erwartung, Vertrauen. Es gilt, Ängste und Unsicherheiten zu überwinden und im Moment zu leben, Grenzen zu überwinden und sich abzugrenzen. Einsichten, die tragend für den Beruf sein werden. Die Begegnungsqualität ermöglicht die Verwandlung und das Neue: „Man erlebt mit jedem Menschen Augenblicke, die wie ein Licht sind und das andere Wesen beleuchten. Es gibt Augenblicke gegenseitigen Wahrnehmens, die so sind, dass man im Wahrnehmen Beschenkter ist.“ (H. Dackweiler)

Aus diesen Impulsen Wege für ein Mit- und Füreinander zu finden, werden durch die Seminaristen des Rudolf Steiner Instituts Kassel wöchentlich bis zu 100 Kinder in Nachmittagsaktivitäten begleitet.

Johannes Wolter

Johannes Wolter

Ausbildungen zum Heilerzieher, Lehrer an heilpädagogischen Schulen und Waldorflehrer

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