Schul- und Wehrpflicht – zwei anachronistische Auslaufmodelle von Markus Stettner-Ruff

Vor 32 Jahren wurde ich „gemustert“, mein Körper wurde beschaut ob er zum Kriegführen tauglich ist. Das war ein genauso entwürdigender Moment in meinem Leben, wie später die Prüfung meines Gewissens. Nochmals zwei Jahre danach wurde ich wegen „Dienstflucht“ zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, nach dem ich aus Gewissensgründen, bewusst und offen, den sogenannten Zivildienst abgebrochen hatte.

Ursache und Legitimation dieser einschneidenden Eingriffe der Staatsmacht in mein Leben: die Allgemeine Wehrpflicht.

Ich hatte Glück, meine damaligen Mitstreiter saßen wegen ihrer totalen Kriegsdienstverweigerung teilweise über ein Jahr im Gefängnis.

Ziviler Ungehorsam
„Weg mit der Wehrpflicht!“, dies war das uns vereinende Motiv, das war die Vision, für die wir offen und gewaltfrei „kämpften“ und bereit waren die staatlichen Repressalien und persönlichen Konsequenzen für unsere Überzeugung in Kauf zu nehmen.

Die waren nicht ohne. Amnesty International geißelte regelmäßig das Vorgehen der deutschen Staatsmacht gegen die totalen Kriegsdienstverweigerer und adoptierte die inhaftierten tKDVer als politische Gefangene.
Wie viele junge Männer wurden durch die Wehrpflicht „gebrochen“, wie viele in den Freitod getrieben? Wie viele starben bei Manövern oder in den letzten Jahren im Kriegseinsatz z.B. in Afghanistan?

30 Jahre nachdem wir uns der Wehrpflicht verweigerten – und viele vor und nach uns – aktiv durch gewaltfreie Aktionen zivilen Ungehorsam leisteten, ist sie „ausgesetzt“ und ich vermute, dass es nicht mehr lange dauern wird, und wir unser Ziel endgültig erreicht haben.

Ein Meilenstein auf dem Weg zu einem freiheitlichen Staatswesen
Ich bin keinesfalls so vermessen zu glauben, diese Entscheidung der aktuellen Bundesregierung, sei der Erfolg unseres zivilen Ungehorsams. Die Motive von Von Guttenberg & Co. sind andere, als die unsrigen. Auch ist eine Berufsarmee bei weitem nicht das was ich als eigentliches Ziel verfolge. Aber, dass jetzt kein junger Mann mehr in Deutschland zum Kriegsdienst in militärischer oder zivilmilitärischer Form gezwungen werden kann, das ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einem wirklich freiheitlichen Staatswesen, zu einem ästhetischen Staat, wie Friedrich Schiller sagen würde.

Denn: die Militarisierung der Zivilgesellschaft durch die Wehrpflicht, insbesondere die Prägung der jungen Männer in einem Alter, in dem sich die Persönlichkeitsbildung in einer wichtigen Entwicklungsphase befindet, mit einem gewaltorientierten Menschen- und Männerbild, das auf einem bedingungslosen Gehorsamssystem basiert, halte ich für gravierend und wird bis heute gesellschaftlich verharmlost oder ausgeblendet.

Besonders irritierend war dies für mich als Pädagoge. Auch in der Waldorfpädagogik und ihrer Bewegung spielte diese gravierende Prägung eines großen Teils der männlichen Jugend keine relevante Rolle. Welch tiefgreifende Auswirkungen diese z.B. für Männer und ihre Rolle als Vater oder als Pädagoge in Hochschulen, Schulen, Kindergärten, Jugendeinrichtungen, Heimen hat, lässt sich nur erahnen. Warum dieser massive Angriff auf Geist, Seele und Körper junger Menschen und auf ihre ureigensten Gewissens- und Freiheitsrechte bis heute gesellschaftlich so legitimiert und akzeptiert ist – auch in anthroposophischen Kreisen – bleibt mir ein Rätsel.
Zumal auch ganz direkte Auswirkungen der Wehrpflicht auf junge Männer, wie z.B. in den Problemfeldern der sexuellen Gewalt oder des Alkohol- und Drogenmissbrauches, seit Jahrzehnten eindeutig erwiesen und erforscht sind.

Diese unkritische, „gehorsame“ Haltung ist mir genauso wenig begreiflich, wie der Glaube an die Mär der Wehrpflicht als „Demokratisierungsfaktor“ der Bundeswehr, mit der die Wehrpflicht, auch von Menschen, die dem Militär kritisch gegenüber stehen, bis heute begründet wird. Warum sollte dann diese „Demokratisierung“ jetzt plötzlich nicht mehr notwendig sein?

Geschichtlich betrachtet ist das Gegenteil der Fall. Wie die Fürsten hatten die Diktatoren des 20. Jahrhunderts, Stalin, Mao, Hitler und viele andere Despoten Wehrpflichtarmeen, während die alten angelsächsischen Demokratien (Großbritannien, die USA, Kanada und Irland) die Wehrpflicht nur als Notmaßnahme im Krieg kennen. Ein System von Befehl und Gehorsam kann nicht demokratische Normalität sein. Demokratie und Befehl und Gehorsam schließen sich grundsätzlich aus. Wer vor einer Freiwilligenarmee als Alternative zur Wehrpflichtarmee Angst hat, sollte bedenken, dass die Reichswehr ab 1924 die Wiedereinführung der Wehrpflicht geplant und gefordert hat und Hitler diesen Planungen entsprochen hat. Erst mit der Wehrpflicht war ein Angriffskrieg denkbar, wie er dann ja auch 1939 angefangen wurde.

Es gibt in Deutschland noch eine staatliche Pflicht im Bereich des Geisteslebens, in der das Menschenrecht der Gewissensfreiheit des Einzelnen, durch die Staatsmacht missachtet wird: die Allgemeine Schulpflicht.

Die Schule – Ein Frevel an der Jugend
Als der Berliner Privatgelehrte und Individualanarchist Walther Borgius 1930 seine Studie Die Schule – Ein Frevel an der Jugend veröffentlichte – ich sog es vor 30 Jahren geradezu auf – war ihm sicher bewusst, gegen welche “Heilige Kuh” der Gesellschaft (Ivan Illich) er sich grundsätzlich wandte. Gleich zu Beginn seiner Untersuchung stellt Borgius programmatisch fest:
“Die Schule ist ein raffiniertes Herrschaftsmittel des Staates, geschaffen (bzw. aus ähnlichen Ansätzen konkurrenzgefährlicher Stellen – Kirche, Städte, Private – usurpiert), um von Kindesbeinen an alle Staatsangehörigen an Gehorsam zu gewöhnen, ihnen die Suggestion von der Notwendigkeit des Staates in Fleisch und Blut übergehen zu lassen, jede Emanzipationsidee im Keime zu lähmen, die Entwicklung ihres Denkens in wohlgehegte Bahnen zu lenken und sie zu bequemen, regierbaren, demütigen Untertanen zu drillen”.
Was hier von Borgius formuliert wurde, kommt einer säkularisierten Blasphemie gleich, erlebt aber erst ab Anfang der siebziger Jahre im Zuge der von Ivan Illich und Everett Reimer geführten Entschulungsdebatte eine öffentliche Diskussion. Das wissenschaftliche und publizistische Werk von Borgius, der 1932 starb – über sein Leben und Werk ist nur wenig bekannt -, wurde von den Nazis vernichtet und liegt heute nur fragmentarisch vor. In diesem Sinne blieben seine Thesen ohne Resonanz und Wirkung auf eine aktuelle Entschulungsdiskussion.
Was steht eigentlich im Zentrum der Kritik an der Schulpflicht?
Es sind zugespitzt formuliert drei Faktoren:
– der Monopol- und Zwangscharakter von Schule
– das klassische Lehrer-Schüler-Verhältnis
– die antidemokratische Binnenstruktur von Schule mit Lehrplänen,
Selektionsmechanismen und Abschlüssen

Eine ähnlich unantastbare Funktion wie das Militär
Ulrich Klemm, Vater von vier Kindern und Sozialwissenschaftler, der mit einer Studie über den Freiheitsbegriff in der Pädagogik promovierte, forscht und publiziert seit vielen Jahren zu diesem Thema. Eine seiner Erkenntnisse:
„Obgleich Schulkritik ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen und öffentlichen Diskurses ist, seit es Schule als institutionalisierten Ort von Lernen gibt, findet eine radikale und gleichsam entlegitimierende Debatte über Schule nur selten bzw. marginalisiert statt.
Schulkritik hat ihren Fokus in methodisch-didaktischen Reformdiskussionen und in Fragen der Institutionalisierung, also der Verfasstheit von Schule im Verhältnis zu Staat und Gesellschaft. Schule ist jedoch nicht nur eine der erfolgreichsten und stabilsten gesellschaftlichen und öffentlichen Einrichtungen der letzten 2000 Jahre, sondern hat auch – und dies kann historisch signifikant belegt werden – seit der Aufklärung und der Befreiung von Kirche und Klerus eine ähnlich unantastbare Funktion wie das Militär.“
Bei seinen Forschungen kommt er zur Auffassung, dass zeitgleich mit der Durchsetzung der allgemeinen Wehrpflicht und der Bildung von sogenannten Volksheeren – bspw. im Preußen des 18. und 19. Jahrhunderts – auch die allgemeine Schulpflicht und der Schulzwang eingeführt und bis heute als zentrales Element der Demokratisierung gepriesen würden. Schule und Militär würden zu zwei zentralen Herrschaftsinstrumenten des neuen Nationalstaates. In der bildungs- und gesellschaftspolitischen Diskussion fände man in diesem Sinne eine gleichsam “Heilige Allianz” aller politischen Lager bei der Verteidigung der Schule – wie auch des Militärs und des Krieges als Fortführung der Politik mit anderen Mitteln. Dies müsse als ein klares Indiz für die Funktion der Schule als Mittel zum Machterhalt gewertet werden. Wer politische Macht wolle, brauche Schulpflicht und Wehrpflicht bzw. Schule und Militär als Orte der Disziplinierung.
Ulrich Klemm hat recht und es wäre für mich folgerichtig, wenn Menschen, die im Geistesleben das Ideal der Freiheit anstreben, auch eine Politik der Entschulung von Gesellschaft vertreten.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: das ist keine Rede gegen Bildung von Kindern ab dem zweiten Lebensjahrsiebt. Im Gegenteil: Bildung ist ein emanzipatorisches Mittel, das Menschen zur Wahrnehmung und Durchsetzung ihrer Rechte befähigt und Abhängigkeit entgegenwirken kann. Es ist schlicht ein Menschenrecht. Historisch gesehen, war es ein entscheidender zivilisatorischer Fortschritt, mindestens für die westlichen Industrieländer betrachtet, dass mit der Schulpflicht Kinder (und später dann auch Jugendliche) einer Verwertung als Arbeitskräfte entzogen wurden und mit der Erlernung der Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen ein Minimum an Bildung erhalten haben, um selbstbewusster ihr Leben zu gestalten. Unbestritten hat die Schulpflicht auch diese Seite. Dass die sich entwickelnden Industriegesellschaften genau solche Arbeitskräfte zunehmend benötigten und Bildung deswegen oft nur eine Schmalspurbildung war, verrät schon einen ersten Schatten der anderen Seite der Medaille. Entscheidend ist, dass Bildung für alle, auch ohne die Allgemeine Schulpflicht, mit all ihren aufgezeigten negativen Kehrseiten, erreichbar gewesen wäre und mit ihr ein Bildungsideal etabliert wurde, welches einem freiheitlichen Gemeinwesen unwürdig ist.
“die größte gesellschaftliche Veranstaltung unserer Kultur“
Bei der Auseinandersetzung um die gesellschaftliche Verfasstheit von Schule, stellt Ulrich Klemm kritisch fest, setzte sich nicht nur in Deutschland sehr schnell der Staat als Garant für Schule und Bildung durch und führte zur staatlichen Regelschule mit Schulpflicht und Schulzwang, die seitdem unangefochten über einen gesellschaftlichen Grundkonsens verfügt. Als “größte gesellschaftliche Veranstaltung unserer Kultur“, so Hartmut von Hentig, wird Schule zwar ständig dem Versuch unterworfen, sie zu reformieren oder neu zu denken, zu einer grundsätzlichen Infragestellung kommt es aber nur sehr selten. Eine Kritik an der Staatsschulidee, wie sie z.B. von Wolfgang Hinte Mitte der 1990iger Jahre formuliert wurde, ist bis heute nicht nur die Ausnahme, sondern findet immer noch nur eine begrenzte Resonanz in der bildungspolitischen und pädagogischen Diskussion. Er zog, wie Klemm berichtet, einen Vergleich zwischen Gefängnis und Schule zog und schrieb: “Schule war und ist eine Zwangsanstalt, ein Ort, zu dem zu gehen man gezwungen wird oder an dem man seinen Lebensunterhalt verdient in der Arbeit mit Individuen, die einer ständig überprüften Anwesenheitspflicht unterliegen”. Hier liegt in den Augen Klemms nicht nur ein politisches und systematisches Diskussionsdefizit vor – auch in der Waldorfbewegung – sondern gleichsam auch ein Mythos: Schule als einziger und richtiger Ort für Bildung und Lernen.

„Stell Dir vor, es gibt keine Schulen und keine Lehrer mehr“
Doch langsam hört man auch in der Waldorfbewegung diesbezüglich neue, mutigere Töne:
Als ich für ein Portrait des erfahrenen Klassenlehrer meiner alten Schule in Schwäbisch Hall, Andreas Stohlmann, mit ihm ein ausführliches Gespräch führte, vernahm ich eine dieser neuen Stimmen. Hören wir in einen Abschnitt des Portraits hinein:
„Welches sind Entwicklungsschritte und Schnitte zur Veredelung der Waldorfpädagogik? Was ist zu tun?“, fragt er. Und noch einmal taucht der Begriff der „Entschulung“ auf und es sprudelt wieder nur so aus ihm heraus: „Die Menschheit hat sich in Millionen von Jahren entwickelt, grandios entwickelt, ohne Schule. Wir können nicht mehr renovieren, sondern müssen neue Formen entwickeln. Dem natürlichen Entwicklungsprinzip müssen wir Raum geben, damit die Methoden, miteinander zu lernen, sich gemeinsam zu entwickeln, immer geistreicher sich ins eigene Schicksal einweben.“ Und noch einmal: „Dazu brauchen wir neue Formen. In 100 Jahren werden die Menschen über unseren jetzigen Begriff von Schule lachen. Diese weit reichende Veränderung darf aber nicht chaotisch sein, sie muss eine Begegnungs-Physiologie, eine lebendige Form haben.“
Um sein Anliegen noch tiefer gehend zu verdeutlichen stellt er unser Bildungsverständnis grundsätzlich und radikal in Frage: „Stell Dir vor, es gibt keine Schulen und keine Lehrer mehr. Was würde geschehen? Würden die Kinder und Jugendlichen randalierend und zerstörend durch die Straßen ziehen?“ Ihm fällt ein Zitat ein, das sinngemäß lautet: „Wenn ein Land keinen Krieg führt, schickt es die Kinder derzeit in die Schulen.“ So kommen wir auf den Zusammenhang zwischen der Allgemeinen Wehrpflicht und der Schulpflicht, den einzigen beiden unumgänglichen staatlichen Bürgerpflichten in Deutschland.
Das heißt für Andreas Stohlmann keinesfalls, dass er die bestehende Situation „verurteilen“ würde, „alles Unsinn“ wäre, nein, er möchte im „Jetzt“ das „Morgen“ lesen lernen.
Und doch ist für ihn klar: Er würde die Schulpflicht sofort auflösen, um als Alternative wirkliche Begegnungsräume zu schaffen. Räume, in denen sich die Kinder mit ihren Eltern und Mitmenschen begegnen können, ebenso wie der Natur und den Naturwesen. Räume, in denen Kinder im Seelischen in der Auseinandersetzung mit den Mitmenschen Gefühle und Erkenntnisse entwickeln können, und aus der Beschäftigung mit sich und dem Geist, Religiosität. Räume und Zentren, in denen Kinder Willensvollzüge erüben können.
Er ist sich ganz sicher: „Wenn es für ein Jahr keine Schulen mehr gäbe, dann würden sich schnell praktikable, neue Formen des Lernen herausbilden.“ „Vermutlich bessere“, muss ich ihm innerlich Recht geben.“

Auslaufmodell Schule
Ohne hier die politisch ambitionierte Position von Anarchisten à la Borgius übernehmen zu wollen, bleibt in der Radikalität wie es Andreas Stohlmann tut, zu fragen, ob dieses Modell Schule, das scheinbar so erfolgreich als dominanter Lernort kulturgeschichtliche Karriere gemacht hat, ihre Aufgabe auch heute noch erfüllen kann. Unabhängig davon bezweifle ich, ob dies historisch gesehen jemals der Fall war. Grundsätzlich stellt sich aber heute die Frage, ob Schule vor dem Hintergrund weltweiter Entwicklungen noch über dieselbe Legitimation und Sinnhaftigkeit als institutionalisierter Lernort verfügt wie in den letzten Jahrhunderten.
Ulrich Klemm vertrat schon vor über zehn Jahren die Auffassung, dass Schule als staatlich verordneter Lernort zunehmend an Bedeutung verliert und angesichts globaler Entwicklungen zu einem Auslaufmodell für Bildung und Lernen wird. Dabei bieten sich für ihn „zusammenfassend folgende Diskussionsbereiche an, die gleichsam als Eckpunkte einer Lernagenda für das 21. Jahrhundert dienen könnten:
1. Auch wenn sich Globalisierung sehr deutlich als “Falle” herausstellen sollte (vgl. Martin/ Schumann 1996), wird sie die traditionelle Abhängigkeit von Staat und Schule verändern und zu einer Neudefinition führen.
2. Die Idee von “Learning Communities” als Zentren der Innovation und Veränderung wird den gesellschaftlichen Stellenwert von Lernen wesentlich erhöhen, ihn zu einem Entwicklungsfaktor ersten Ranges machen und gleichzeitig in radikaler Weise die klassischen Formen institutionalisierten Lernens in Frage stellen. Die Bereitschaft zu informellem und beiläufigem Lernen wird zum Garanten für innovatives Wissen (vgl. Peccei 1979; von Pierer/von Oetinger 1997).
3. Lebenslanges Lernen als pädagogisches Paradigma wird das starre Vier-Säulen-Modell unserer Bildungslandschaft – Schule, Berufsausbildung, Hochschule, Weiterbildung – in seiner Getrenntheit auflösen. Die gemeinsamen Schnittmengen der einzelnen Säulen müssen vergrößert werden. Es wird darum gehen, Grenzen fließender zu gestalten und eine Entinstitutionalisierung und Entideologisierung vorzunehmen.
4. Schließlich bietet der Radikale Konstruktivismus als Erkenntnistheorie Optionen für eine neue Lernpsychologie, die eine Enthierarchisierung und Entschulung von Lehr/Lern-Prozessen begründet.“

Initiative für ein selbstbestimmtes Lernen
Ein Schlüssel zu diesen Entwicklungen könnte eine Aufhebung der Schulpflicht sein, um sie durch eine sinnvollere Lernpflicht zu ersetzen. Dies bleibt vorerst Utopie, denn weiterhin wird Schule in Deutschland direktiv verordnet. So müssen z.B. Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten wollen, mit staatlichen Strafmaßnahmen wie Bußgeldern rechnen und werden unnötig kriminalisiert.
Doch auch an dieser „Baustelle“ der Schulpflicht bröckelt es immer stärker: „In einem freiheitlichen Staatswesen sollte mündigen Bürgern frei gestellt sein wo sie ihren Kindern Bildung zukommen lassen. Alle staatlichen Sanktionsmaßnahmen gegen Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten, müssen aufgehoben werden“, fordern immer mehr Bürger. Und sie fordern nicht nur sondern handeln:

Christiane Ludwig-Wolf aus dem südlich von Salzwedel gelegenen Baars hat drei Söhne im Alter von 8 bis 13 Jahren. Keiner von ihnen ging zur Schule. Nach jahrelanger Untergrundtaktik hat sie mit anderen Eltern die Initiative für selbstbestimmtes Lernen gegründet. Sie will allen Eltern Unterstützung bieten, deren Kinder sich der Schulpflicht verweigern und die außerhalb der Schule lernen wollen. Die Gruppe hat sich zum Ziel gesetzt, auf menschlicher, pädagogischer und politischer Ebene Strukturen zu entwickeln, die das für Eltern und Kinder einfacher machen sollen. Da es für Einzelpersonen in Deutschland unmöglich ist, eine rechtlich einwandfreie Ausnahmeregelung zu erhalten (es sei denn, das Kind gilt als “bildungsunfähig”), geht es letztlich um die Abschaffung der allgemeinen Schulpflicht.
Die Initiative für ein selbstbestimmtes Lernen begreift sich nicht als eine Opposition zur Schule. Sie kämpft dafür, dass jede Familie ihren eigenen Weg finden kann. Natürlich haben sie auch Utopien für eine tollere Schule: Angebote, Zentren in den Dörfern, Lernorte mit Verbindung zum Alltagsleben. Sie sprechen dem Staat auch nicht ab, Kinder vor Verwahrlosung und Mißbrauch zu schützen. Es geht ihnen um die Möglichkeit individueller Lösungen, regelmäßige Besuche von Kontaktpersonen aus dem Schulamt zum Beispiel. Schule als Möglichkeit, aber eben nicht als Pflicht.

Dauert es nochmals 30 Jahre?
Ich bin gespannt ob es nochmals 30 Jahre dauern wird, bis nach der Wehrpflicht auch die Schulpflicht ausgesetzt bzw. abgeschafft wird? Oder ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Eltern und junge Erwachsene, unabhängig von staatlichen und ökonomischen Zwängen über ihre Bildungsbiografien, z.B. ermöglicht durch den Bildungsgutschein, in einer bunten, pluralen Bildungslandschaft verschiedenster Schulen und Hochschulen in freier Trägerschaft, frei und eigenverantwortlich entscheiden können?

Obwohl ich ein Optimist und Idealist bin, überwiegt hier eher die Skepsis. Zu sehr haben wir Erwachsenen, und als Spiegel unserer „Sattheit“, die Jugendlichen ebenso, unseren „Frieden“, der ein „fauler“ ist, mit dem bestehenden System geschlossen. Die aktuelle Shell-Jugendstudie, aber auch meine persönlichen Wahrnehmungen in meinem Umfeld, z.B. in der Waldorfbewegung, in den Kollegien in denen ich arbeite(te), als auch das was mir von den Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Oberstufe oder aktuell im Rudolf-Steiner-Institut entgegen kommt, bestätigen diese Skepsis. Das „schleichende Gift“ von Zensuren und Abschlüssen, von G 8, Waldorfgymnasien, Bologna-Prozess und dem daraus resultierenden Bulimie-Lernen, tut sein übriges.

Zur Person des Autor:

Markus Stettner-Ruff:
Dozent am Rudolf Steiner Institut, Kassel
vorher 12 Jahre Geschäftsführer und Oberstufenlehrer an der FWS Schwäbisch Hall

Literatur:

– Paul Goodman: Das Verhängnis der Schule, Fischer-Taschenbuch, 1964

– Dr. Walther Borgius: Die Schule – ein Frevel an der Jugend, Verlag der Mackay-Gesellschaft, 1981

– Erziehungskunst 03/2010:
Markus Stettner-Ruff: Traumberuf: Pastoralpädagogischer Narr
Ein Gespräch mit dem Waldorflehrer Andreas Stohlmann

– Widersprüche, Heft 73:
Ulrich Klemm: Schule als Auslaufmodell?
Notate zur Entstaatlichung und Entschulung von Bildung im Horizont des aktuellen gesellschaftlichen Wandels

– Zero Plädoyer:
Gecko Neumcke: Jede Stunde eine Mark – Plädoyer gegen die Schulpflicht

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