Reif zum Erziehen? von Almuth Strehlow

Reif zum Erziehen?
von Almuth Strehlow

eingestellt:Di. 08.05.2012
Durch die frühe Einschulung sowie die Schulzeitverkürzung mancherorts, bewerben sich in den Fachschulen für Sozialwesen immer jüngere Menschen um eine Ausbildung zur Erzieherin zu beginnen. Der Reifebegriff ist einige Jahre bei der Einschulung in Vergessenheit geraten – hie und da taucht er nun wieder auf, aber spätestens in der Fachschule sollte er einem wieder ins Gedächtnis kommen, denn Jugendliche können nicht unsere Kinder erziehen!

Eine Erzieherin ist für die Kinder Vorbild, Entwicklungsbegleiterin und Bildungsver-antwortliche, für die Eltern Ansprechpartnerin und somit Volkspädagogin oder Beraterin, Unternehmerin für die Institution, nach zwei Jahren Berufserfahrung Ausbilderin und Praxisanleiterin und vieles mehr. Durch vielfältige Forschungsergebnisse zur Bedeutung der frühen Kindheit, deren menschenbildgeprägten Interpretationen und daraus resultierenden Umsetzungen verändert sich das Berufsbild der Erzieherin momentan gravierend.

Die Kindergartenpädagogik hat, ausgehend von Deutschland, eine lange Tradition und die Berufsgruppe „Kindergärtnerin“ war die erste, die im sozialen Bereich eine systematische Ausbildung erhielt. Jahrzehnte lang führten die Kindergärten ein Nischendasein. Erst mit den Veröffentlichungen der PISA-Studie zum Jahrtausendwechsel, trat die Bedeutung der ersten Lebensjahre in den Vordergrund. In der Forschung, den politischen Debatten, den Medien – überall wird die frühe Kindheit in den Fokus genommen und – vor allem unter den Aspekten des frühen Lernens – werden viele, teilweise übereilte, Reformen angestoßen. Die Erzieherinnen müssen den Wandel im laufenden Geschehen unter viel Druck mit vollziehen. Obwohl die Ergebnisse der Pisastudie Schulkindbezogen waren, wurden die Vorläufereinrichtungen verändert, da zeitgleich die Erkenntnisse der frühen Bildung sich erweitert hatten.

Die Aufgabenfelder der ausgebildeten Erzieherin umfassen ein großes Spektrum; in folgenden Arbeitsbereichen trifft man Erzieherinnen: vorrangig in Einrichtungen im Elementarbereich, Krippen, Kindergärten, Kindertagesstätten, Tagespflege, aber auch in Vorklassen, Horten, Erziehungshilfe-Einrichtungen und jugendpsychiatrischen Kliniken, Schülerheimen bzw. Internaten, Wohngemeinschaften der Jugendhilfe, Erholungsheimen, Kinderstationen der Kliniken, Einrichtungen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung und Gesamtschulen.

Die Auseinandersetzung und Durchführung der Bildungspläne der Bundesländer bedeutet ständige Weiterbildung, Interesse für die erziehungswissenschaftlichen Forschungsergebnisse (Partizipationsexpertin) und ein waches Beobachten, Forschen und Dokumentieren der Entwicklung der Kinder, um eine durch Medien und Wirtschaft angeheizte einseitige Intellektualisierung der ersten Lebensjahre zu verhindern. Hinzu kommen die Aufgaben innerhalb der Elternpartnerschaft: Druck und Zukunftsangst sind hierbei wesentliche Themenschwerpunkte (Volkspädagogin und Erziehungsberaterin). Je nach Standort sind Migration (Sozialpolitik), Integration, soziale Arbeit, Kleinkindbetreuung, Kooperation mit Schule sowie Qualitätsmanagement Aufgabenfelder für die Erzieherin. Durch die EU-Konvention angestoßen gehört die Thematik der INKLUSION ebenso zu den Aufgabenfeldern.

Als Ausbilderin für Praktikantinnen ist die Erzieherin auch tätig in der Erwachsenenbildung. Mit dem vielerorts beschriebenen Zukunftsbild des Familienzentrums im Zusammenhang mit Inklusion werden die Aufgaben eine neue Dimension erreichen.

Viele Aufgaben, die Tageseinrichtungen heute zu erfüllen haben, werden im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG 1991 §72 Abs.1) erläutert, wohingegen die Qualifikationen der Erzieherinnen, die diese Aufgaben ausführen sollen, nur mit „aufgabenentsprechende Eignung“ und „aufgabenentsprechende Ausbildung“ beschrieben werden – „breit qualifizierende, sozialpädagogische Allroundqualifizierung“ (Diller u. Rauschenbach 2006).

Die momentanen Diskussionen zur Aktualisierung der Ausbildung beinhalten didaktische Ansätze, die nicht den Lernstoff in den Mittelpunkt stellen, sondern die lernende Person, das Subjekt. Somit müsste die Leistungsorientierung zugunsten der Lernorientierung aus dem Fachschulalltag verschwinden, Menschenbildung oder Persönlichkeitsbildung, eine Unterstützung des Selbstkonzeptes anstelle von Normierung durch Noten sollte umsetzbar werden können. Diese Forderung beziehe ich auf jegliche pädagogische Ausbildung. Konkret wären wesentliche Ausbildungsziele die Arbeit am Menschen- und Weltbild sowie an der Grundeinstellung der Auszubildenden, das selbstgesteuerte Lernen und die Selbsterziehung, welche die in den Rahmenvereinbarungen enthaltenden Ausbildungsziele, die die personalen Kompetenzen betreffen, enthalten. Das bedeutet, dass die von Vaill (1998) benannten Lernformen: Selbstgesteuertes Lernen, Kreatives Lernen, Expressives Lernen, Gefühlslernen, Online-Lernen, Kontinuierliches Lernen und Reflexives Lernen in der Ausbildung integriert werden, um den jungen Menschen verschiedenste Möglichkeiten der Selbstbildung zu geben.

Hedwig Schlaghecken (1989) stellt in ihrer Dissertation die Frage nach der Erzieherinnenidentität in der lebensgeschichtlichen Dimension, d.h. nach der Fähigkeit, zu sich selbst in kritische Distanz zu treten, sich selbst in Frage zu stellen und sich der eigenen unauswechselbaren Identität sinngebend vergewissern zu können.

Gerade das Erlernen der Selbst-Reflexion, der eigenen Handlungen ist ein wesentlicher Ausbildungsaspekt, an den die eigene biografische Reflexion in vielen Entwicklungsbereichen angeschlossen sein müsste, um nicht von unbewussten alltagspädagogischen Handlungsmaximen geleitet zu werden. In den Rahmenvereinbarungen werden Lernfelder beschrieben, die in realem Alltagsbezug durch Projekte Lernsituationen entstehen lassen, in denen es ermöglicht werden kann, mutig neue Wege zu gehen und die Lernenden aus eigener Erfahrung zu einer eigenen Meinung kommen zu lassen, in dem sie Traditionen hinterfragen, anstatt sie zu kopieren.

Durch Selbsterfahrung in verschiedenen Lebensfeldern und deren Reflexion wäre das Erarbeiten eines Menschenbildes als Grundlage für Erziehungstätigkeit, das Reflektieren der eigenen Wertvorstellungen und ein wacher Umgang mit dem heute weit verbreiteten, aber immer mehr in Frage gestellten, deterministischen und mechanistischen Menschenbild möglich. Autonomie, Selbstverantwortung und Kongruenz können individueller Erfahrungsgewinn sein.

Das setzt voraus, dass die starren Rollen zwischen Lehrkräften und Studierenden aufgelöst werden müssten, denn dem sozialpädagogischen Konzept liegt das wechselseitige Lernen zugrunde. Lernen sollte in ganzheitlichen Zusammenhängen erfolgen, sodass eine Logik der Praxiserfordernisse für den Lernenden entsteht, immer mehr unter dem Motto des Forschens.

Das setzt voraus, dass sich die Rolle der Lehrenden verwandelt, dass sie Lernbegleiterin, Tutorin und „Willenserweckerin“(van Houten 1999) werden, denn der Akt der Verwandlung und Entwicklung ist ganz in die Verantwortung der mündigen Individualität gestellt. Der Wille zum Lernen und zur Entwicklung ist entscheidend (Denger 2006:150).

Im Verlauf der gemeinsamen Lernwege ist mit den Auszubildenden ein Konzept der Ausbildung durch das Verständnis der Berufsrolle zu erarbeiten. Die jungen Menschen sollen lernen „eigenverantwortlich und zielorientiert bei Kindern und Jugendlichen Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsprozesse zu gestalten“ (Protokoll KMK 2002:24), diese zu dokumentieren und zu überprüfen – das setzt voraus, dass es ihnen beim eigenen Weg gelingt.

Die Praxisorte werden unmittelbar Ausbildungsort, das heißt, dass jede Erzieherin nach zwei Jahren Berufserfahrung gleichzeitig als Ausbilderin tätig sein kann, – was somit Ausbildungsinhalt werden muss, immer mehr auch bei älteren Erzieherinnen nachgerüstet werden sollte. Die Begleitung des individuellen Lernens einer Praktikantin erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion und Überblick über die Arbeitsfelder.

In den Rahmenvereinbarungen über Fachschulen / Fachbereich Sozialwesen werden umfassende Ausbildungsziele benannt, die in meinen Augen Erwachsensein erfordern.

Der Reifebegriff verschwindet zunehmend aus unserem Bewusstsein, selbst innerhalb der Nahrungsmittelherstellung wird die natürliche Reifung kaum zugelassen. Noch vor sechs Jahren gab es den Begriff der Schulreife, der durch Schulalter durch die Kultusministerien ersetzt wurde. Um Reife zu untersuchen, ist es notwendig sich mit dem Menschenbild auseinanderzusetzen, die Sichtweisen zu unterscheiden und den eigenen Standpunkt zu verdeutlichen.

Gemeinhin wird das Wesen des Menschen aus zwei Richtungen betrachtet: Die Soziologen betonen die Umwelteinflüsse in ihrer Bedeutung für Entwicklung, während die Vererbungsforschung den Einfluss der Gene in den Vordergrund stellt. „In der Entwicklungspsychologie werden beobachtete Veränderungen auf Reifung zurückgeführt, wenn sie universell in einer Altersperiode und ohne Lernen in einem weiteren Sinne auftreten“ (Oerter u. Montada 2002), wobei betont wird, dass die normale Umwelt, also keine deprivierte, ausreicht und die Reifungsprozesse im Einzelnen nicht geklärt sind. Mit der Definition stimme ich nicht ganz überein. Gerade durch die Gehirnforschung wird immer deutlicher, dass dieser Aspekt durch einen weiteren ergänzt werden muss, denn Ich selber gestalte innerhalb der Erbfolge und der Sozialisation mich bis in die Gehirnstrukturen (Spitzer 2006), dh Ich entwickele mich selber. Innerhalb des Entwicklungsprozesses beschrieb Piaget (2003) Entwicklungsstufen, die ein Stiefkind der Forschung innerhalb des Erwachsenenalters geblieben sind. Kohlberg (1995) hielt es für wertvoll, den Begriffsapparat von Stufen und Reife auch bei „Veränderungen der Erwachsenenpersönlichkeit“ anzuwenden, diese Gedanken findet man auch bei Erikson (1973).

Um Erwachsenenalter zu verstehen, was aus meiner Sicht eng mit der Reife für einen Erziehungsprozess zusammenhängt, ist es notwendig sich mit dem Ich-Begriff auseinander zu setzen.

Aus der materialistischen Weltanschauung heraus wird das Ich-Erleben aus den Vorgängen der Gehirnprozesse, die durch die Außenwelt angestoßen werden, versucht zu erklären. Dennet (Interview in GEO Nr.2/1998) hebt die Annahme hervor,, dass der Geist das Gehirn ist und dieses setzt er auf eine Stufe mit einer Maschine. So wird weiterhin in einigen Zweigen der Hirnforschung nach Geistigem in der Materie mit naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden gesucht, was aus meinem Verständnis von Geist nicht möglich sein kann, man wird nur die physischen Auswirkungen in der Materie erkennen können.

Innerhalb der Psychoanalyse, ausgehend von Freud (vgl. Erikson 1973), wird das Ich als sehr differenziert zu betrachtender Teil der Seele beschrieben. Zu Beginn liegt der Betrachtungsschwerpunkt des Ich-Gefühls auf den Einflüssen der frühen Kindheit. Mit der Weiterentwicklung der humanistischen Psychologie und dem personenzentrierten Ansatz (Rogers 2007) wird der Ich-Funktion eine überschauende und regulierende Kraft zugesprochen (Erikson 1966), die bei Frankl (1985) deutlich als selbstregulierend und selbstbestimmend beschrieben wird. Ausschlaggebend sind viele Faktoren der frühen Kindheit, wie es Antonovsky (1997) in seiner Salutogenese-Forschung erläutert. Die Bedeutung eines eigenständigen Ichs wird innerhalb der Forschung immer relevanter.

In der Auseinandersetzung mit der Motivationsforschung wurde mir die Bedeutung des Ichs noch deutlicher. Maslow (2008) entwickelt Gedanken über die Bedürfnisbefriedigung als Motiv. Innerhalb einer eigenständigen Forschung untersucht er aus eigener Neugier das Motiv der Selbstverwirklichung welches er bei jüngeren Menschen als nicht verwirklichbar registrierte, da Selbstakzeptanz die Grundlage war. Die im Selbst auftauchende Frage, z. B. nach dem Sinn des Lebens, ist für mich ein Motiv auf geistig-seelischer Ebene, deren Bedürfnisbefriedigung ich im Sinne von van Houten (1998) mit Erkenntnistrieb, Entwicklungstrieb und Verbesserungstrieb beschreiben würde. Diese Bedürfnisse nennt Maslow (s.o.2008:163) „Metabedürfnisse“: „es ist nicht etwas Äußerliches, das der Organismus für seine Gesundheit braucht, (…) Selbstverwirklichung ist ein inneres Wachsen dessen, was sich bereits im Organismus befindet, (…) was der Organismus ist“. Diese letzte Aussage ist für mich nicht stimmig, da der „Antreiber“ ( Motiv-Beweggrund) in meinen Augen das Ich ist und eine klare Differenzierung von Leib, Seele und Geist mir wesentlich erscheint.

Notwendig für das Verständnis von Reife ist eine deutliche Unterscheidung der seelischen Qualitäten von Denken, Fühlen und Handeln. Der Mensch ist in der Lage, eine andere Ebene mit seinem Bewusstsein zu betreten – zu reflektieren, sich in seinem Fühlen zu beobachten, die eigenen Denkwege zu erkennen und sein Handeln aus neuer Erkenntnis selbst zu steuern, zu hinterfragen – dies kann ein Kind oder ein Jugendlicher aus meiner Bobachtung und Erforschung noch nicht. Mit zunehmendem Alter entfalten sich diese Fähigkeiten.

Das Auftreten des Selbstbewusstseins um das dritte Lebensjahr gilt für mich als ein Indikator für die personale Identifikation, ist bereits Folge der Ichexistenz. Dieses Ich geht durch einen Lebensweg (Biografie) und setzt sich mit der erlebten Welt auseinander, verwandelt seinen Leib, das genetische Erbe und die Seeleneigenschaften kontinuierlich um, immer mehr Autor seiner Selbst werdend. Ich werde mir in immer neuen Lebensumständen mehr und mehr meiner Selbst bewusst, was mir hilft für mich sinnvolle, relevante Entscheidungen in jedem Moment zu treffen (Frankl 2008). Um fähig zu sein, bewusst zu handeln, muss ich mich mit mir identisch fühlen. Frankl (1985) bezeichnet den Sinn des Lebens als die lebendige Spannung von Ideal und Wirklichkeit – von Sein und Sein-Wollen im Menschlicher-Werden – in eigener Verantwortung.

Das Ich nutzt das Gehirn zur Spiegelung der Welt und seiner Person, hier ist der Ort der Wahrnehmung und des zentrierten Selbstbewusstseins (Denken), es nutzt seine Glieder um in der Welt zu handeln und sich im Tun Selbst zu verwirklichen und es erlebt sich im Fühlen als Mensch zwischen anderen Menschen (Vagedes 2008) – zwischen Himmel und Erde.

Lange Zeit existierte ein statisches Bild des Erwachsenenseins, auch wenn Erikson (1973) schon in den fünfziger Jahren den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung über die ganze Lebensspanne verlaufend beschreibt, hat sich „erst seit Beginn der 1970er Jahre […] in der Entwicklungspsychologie immer mehr ein Modell der lebenslangen Entwicklung durchgesetzt“ (Faltenmaier 2002). Betrachte ich den Abschnitt von der Adoleszenz zum Erwachsenenalter, wird „es […] offensichtlich dass Jugendliche mit Erreichen dieses Alters (18) nicht automatisch zu Erwachsenen werden“ (Faltenmaier 2002). Adoleszenz wird im Duden mit Heranwachsen umschrieben und bezeichnet den Lebensabschnitt zwischen 17 und 20 Jahren, „der Prozess der Adoleszenz ist jedoch nur dann wirklich abgeschlossen, wenn das Individuum seine Kindheitsidentifikationen einer neuen Form von Identifikation untergeordnet hat“(Erikson 1973), das Ich sich ganz mit Leib und Seele verbunden hat, was eine biografische Reflexionsfähigkeit erst ermöglicht. Dazu bedarf es einer „anerkannten Karrenzzeit“. In dieser kann es, wie in vielen Übergängen innerhalb der Biografie, zu Krisen kommen, nach deren Bewältigung das Selbstgefühl eine Bestätigung finden kann.

Der Jugendliche ist auf der Suche nach seiner Identität, seiner Stellung im sozialen Gefüge, dem eigenen Motiv, der Berufsidentität, seiner Genitalität und Generativität u.V.m. bis ins Erwachsenenalter hinein. In der Phase des jungen Erwachsenenalters ist es erforderlich, zu einer Definition der eigenen Identität zu gelangen, zu einer intimen Beziehung mit seinem eigenen Inneren. Ein wesentlicher Schritt dabei ist die veränderte Beziehungsebene zum Elternhaus – das Absetzen und Erreichen der eigenen Integrität und damit der „Verlust emotionaler Sicherheit der Kinderrolle“ (Flammer 2005). D.h. selbstständig leben, die Distanzierung zur Peer-group der Jugendzeit herstellen, was beinhaltet eine eigene Meinung finden und äußern, Einflüsse erkennen, emotionale Autonomie erfahren. Der Freundeskreis spielt im Alter von 18 bis 20 eine große Rolle und formiert sich oft neu. Zu anderen Erwachsenen gewinnt man ein „Gefühl der Kameradschaft“, man kann sich auf einer Augenhöhe begegnen. Diese gewonnene Ich-Identität macht den jungen Erwachsenen unabhängiger von ethnischer Zugehörigkeit, Volk und Religion und lässt den Wert der eigenen Meinung erkennen (Toleranz und Akzeptanz). Man beginnt Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu übernehmen (gesunder Egoismus und Altruismus).

Innerhalb der moralischen Entwicklung bedeutet dies für mich, dass das konventionelle Niveau verlassen wird und die Stufe des autonomen Niveaus anfänglich erreicht wird, d. h. die persönlichen Werte deutlicher werden, das Autoritätsprinzip verlassen wird und eine reife Haltung der Demokratisierung beginnen kann, ich somit urteilsfähiger bin. Vor allem aber sollte der Mut entstehen nach eigenen Gewissensentscheidungen in Einklang mit selbstgewählten ethischen Prinzipien zu handeln. Wichtig wäre hier zu erforschen, welche Auswirkungen es auf eine Gesellschaft hat, wenn ethische Prinzipien sehr früh auf rein kognitiver Ebene vermittelt werden und sich nicht aus dem Inneren der Individualität herausbilden. Nach Erikson und Kohlberg bleibt nur die Rückkehr zum Denken in gesellschaftlich vorgegebenen Konventionen!

Das eigene Lebensmotiv wird deutlicher und in der Einschätzung von Stärken und Schwächen kann die junge Erwachsene lernen, die Spannung innerhalb der Motivverwirklichung selbsttätig zu regulieren (Selbsteinschätzung und Selbststeuerung). Die heteronome Steuerung sollte sich in autonome Steuerung der Lernmotivation verwandelt haben – selbstgesteuertes Lernen setzt diese volitionale Kompetenz voraus und lässt den Lehrenden zum Lernbegleiter werden. Dabei ist der junge Mensch noch stark beeinflusst von seinen Gefühlen, was sich mit zunehmendem Alter verändert, sodass er durch seine Lebenserfahrung vorrangig im sozialen Umgang „weiser“(Spitzer2006) wird.

Die Berufswahl spielt eine große Rolle, die stark von der gesellschaftlichen Situation geprägt wird. „Berufswahlreife“(Hoff u. Schraps 2007) meint das Abwägen von eigenen Interessen und Selbsteinschätzung, Bedeutung innerhalb der Gesellschaft und Verwirklichung von individuellen Werten.

Durch die Ergebnisse der Shell-Studie wird deutlich, dass die jungen Erwachsenen noch sehr stark familienorientiert und Peer-Group-bezogen sind und die Ablösung mit 18, meist erst mit 21 Jahren vollzogen wird. Die Werte beziehen sich stark auf das Selbstbefinden, dagegen sind Verantwortung für die Gesellschaft (Politik, Umweltschutz u.A.) nicht so relevant. Jugendliche haben größere Chancen bei der Identitätsfindung, wenn sie mehr Zeit für die Aneignung des Wissens und Coping (Bewältigungsstrategien) haben, wenn also eine spätere Reife eintritt. Moralische Werte beziehen sich stark auf Konventionen und äußere Aspekte. Demokratie wird geschätzt, aber es wird wenig aktiv verantwortlich eingegriffen – die Auseinandersetzung mit Politik ist altersbezogen steigend.

Durch Lebenserfahrung wächst die innere Lebenssicherheit und das Weltinteresse. Im Alter zwischen 18-21 Jahren spielt der Selbstbezug eine deutlich größere Rolle, die Umsetzung eigener Ideale dagegen eine geringe. Mut zur Veränderung und Opposition kann man in der Studie nirgends herauslesen. Jedoch kann man durch die steigenden Zahlen von jungen Teilnehmerinnen im Freiwilligen Sozialen Jahr, Freiwilligen Ökologischen Jahr oder dem „anderen Dienst im Ausland“* belegen, dass in den letzten vier Jahren die Suche nach den eigenen Idealen und gesellschaftlichen Werten deutlich steigt.

Durch die Gegenüberstellung der Studie mit den Gesichtspunkten der Entwicklungs-psychologie tauchte verstärkt die Frage nach der Reife im Altersbezug auf, da am Ende dieser Entwicklungszeit (18-21) sich deutlich der Ichbezug löst und der junge Mensch sich als Ich in der Gesellschaft erlebt. Reife selbstverwirklichende Menschen sind in der Lage ganzheitlich zu denken (Maslow 2008), den Dualismus allmählich zu überwinden und zum Holismus zu gelangen.

Zu diesen genannten Aspekten kommt natürlich die Bedeutung der von Steiner genannten Ichgeburt hinzu, dies auszuführen würde einen weiteren Teil des Themas bedeuten, den ich jedoch hier bewußt auslasse, da es mir wichtig ist Begründungen auch ohne seine Hilfe zu finden.

Ziel meiner Untersuchungen in den letzten Jahren war es herauszufinden, inwieweit die persönliche Reife der Studierenden mit ihrem Lebensalter korreliert und welche Auswirkungen die Erkenntnisse für die Aufnahmesituation in die Erzieherausbildung haben, wenn man die aktuellen Veränderungen des Berufsbildes Erzieherin einbezieht.

Als Ergebnis meiner fünfjährigen Beschäftigung mit dem Thema kann ich sagen, dass die jungen Menschen bei Ausbildungsbeginn deutlich Schritte ins Erwachsenenalter vollzogen haben sollten um der großen Aufgabe der Erziehung der kleinen Kinder bewußt übernehmen zu können. Die Folgen der frühen Einschulung können sich in Zukunft innerhalb der Biografien der jungen Lernenden bis dahin auswirken, dass wir als Aufnahmeverantwortliche innerhalb einer Ausbildungsstätte sagen – sammle bitte noch zwei – drei Jahre Lebenserfahrung, und gleichzeitig werden sie von der Gesellschaft, den Eltern hören: werde endlich schnell fertig.

Reife – Entwicklung braucht aber viel Zeit !

Literaturhinweise: (jeweils der erste Autor ist benannt)

Antonovsky, A (1997) : Salutogenes – zur Entmystifizierung der Gesundheit

Denger, J.in Fischer (2006): Ausbildung und Kunst

Diller, A. / Rauschenbach, T (2006): Reform oder Ende der Erzieherinnenausbildung

Erikson, E.(1966): Einsicht und Verantwortung

Erikson, E.(1973): Identität und Lebenszyklus

Faltenmeier, T. (2002): Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters

Frankl, V.(1985): Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn

Frankl, V.(2008): …trotzdem JA zum Leben sagen

Hoff, E. in Hasselhorn, M. (2007): Handbuch der Entwicklungspsychologie

Houten, C.van ((1998): Erwachsenenbildung als Schicksalspraxis

Houten, C.van (1999): Erwachsenenbildung als Willenserweckung

Kohlberg, L.(1995): Die Psychologie der Moralentwicklung

Maslow, A.(2008): Motivation und Persönlichkeit

Neider, A.(2008): Wo steckt unser Ich?

Oerter,R. (2002): Entwicklungspsychologie

Piaget, J.(2003): Meine Theorie der geistigen Entwicklung

Rogers, C. (2007): Der neue Mensch

Spitzer, M.(2006): Lernen

Vagedes, J.in Neider s.o.

Vaill, P. (1996): Lernen als Lebensform

Almuth Strehlow, Dozentin am Rudolf Steiner Institut Kassel seit 1992

Ausbildungen : Erzieherin, Psychomotorikerin, Künstlerische Therapie,

Master in Futher Education, Education for Adults and Schoolmanagement

Wer Interesse an der gesamte Masterarbeit von Almuth Strehlow hat wende sich bitte unter:

strehlow@steiner-institut.de an sie.

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