Projektfahrt Sozialassistenz 2018

Eine „Anthroposophie“ der Freude

Rückblick auf die Projektfahrt der Sozialassistentenklasse (A2) ins tschechische Camphill in Ceské Kopisty

Jedes Jahr um die Osterzeit besuchen die SozialassistentInnen im zweiten Ausbildungsjahr ein soziales Projekt in Europa. Diesen März wählte die Klassenbegleiterin Tanja Täubner das tschechische Camphill an der Elbe unweit von Theresienstadt aus. Der letzte Besuch einer Klasse vom Rudolf Steiner Institut dort lag über sieben Jahre zurück, so dass die Zeit heran war, diese deutsch-tschechische Freundschaft wieder zu beleben.


Blick vom Camphill-Acker auf die nahen Berge

Soweit der Prolog.
Diese Freundschaft hat eine starke ideelle Note, denn weder die Klasse noch ich als Dozentin waren mit den tschechischen Gastgebern bekannt, geschweige denn befreundet. Dennoch hatten Jaroslav, der Chefgärtner, und seine Frau Zaneta die zurückliegenden Besuche der Vorgängerklassen noch im Gedächtnis. Sie öffneten ihre Arme, ihren Hof und ihre Herzen für uns wie für lange nicht gesehene Freunde. Wir bekamen alles, was wir brauchten: einen ausgebauten Stallboden, einen darunter liegenden Gemeinschaftsraum, einen Ofen mit genügend Holzscheiten, jeden Tag eine warme Mahlzeit und viel Aufmerksamkeit, um uns durch die Arbeitsfelder zu begleiten und tief philosophische Gespräche zu führen.


Unser Schlaflager unter Balken, die ganz ohne Schrauben halten

In all den vergangenen Jahren war die kleine Camphill-Gemeinschaft durch echte Tiefen gewatet. Zweimal hatte sie das Elbhochwasser überspült. Nicht nur die alten Wohnhäuser und Stallungen aus dem 17. Jahrhundert, sondern auch die 11 Hektar Ackerland standen „Land unter“. Auf den ausgedehnten Ackerflächen bauen sie Demeter-Gemüse für tschechische Supermärkte und 200 TeilhaberInnen der einzigen Solidarischen Landwirtschaft des Landes an.


Vorbereitung für die Salatpflänzchen im Folientunnel

Die Herzlichkeit und Ehrerbietung, mit der wir als VertreterInnen des anthroposophischen Traditionsstromes aus dem nahen Deutschland empfangen wurden, beeindruckte uns. Also bemühten wir uns, Frau Täubner und Herr Wilmesmeier – unser Gärtner vom Waldhof, der uns begleitete – und alle 12 jungen Menschen der Klasse, den Gärtnern bei den nötigen Frühjahrsvorbereitungen so gut wir konnten zu helfen.
Die Luft war klar und immer noch frostig kalt, das Kupferwerkzeug in unseren Händen glänzte und über dem braunen Ackerboden schwebte ein feines weißes Licht. Das kommt, so erklärte uns Jaroslav, der Chefgärtner, von der ehrfürchtigen Art und Weise, mit der er und seine Mitarbeiter mit diesem Stück Land umgingen. Sie arbeiten natürlich Mist in den Boden ein und bauen gleichzeitig um den Acker herum kraterartige Komposthaufen auf, die Wärme spenden. Außerdem ist der Acker von hölzernen Skulpturen gleich Schutzengeln umgeben. Präparate werden gerührt, die wir an einem wolkenverhangenen Tag gemeinschaftlich über dem Acker versprühen durften – was uns auf magische Weise miteinander und mit der Erde verband.
Aber das allein kann es nicht gewesen sein, weshalb das Licht über diesem Stück Land so fein schimmerte.


Gespräch mit Katerina (erste von li.) und Jaroslav (zweiter von li.) am Beet

Jaroslav versuchte uns nahezubringen, dass es auf unsere Wahrnehmung und auf unsere Einstellung gegenüber der Erde ankäme. Jaroslav und die Slowakin Katerina, die vor geistiger Inspiration nur so sprühte und für uns übersetzte, betonten immer wieder: Die Erde braucht die Menschen, die auf und in ihr arbeiten. Dann beginnt sie wieder zu atmen – und zu leuchten.
Deshalb liegt es den GärtnerInnen so am Herzen, die acht seelenpflegebedürftigen BewohnerInnen nicht nur in die Kerzenwerkstatt zu schicken, sondern sie auch mit auf den Acker zu nehmen und in ihre Arbeit einzubinden. Jeden Morgen stapfen die acht aus ihrem Wohnhaus hinüber in den großen Saal. Dort werden sie von Jaroslav, seiner Frau Zaneta, der Slowakin Katerina und der zweiten Gärtnerin Katerina empfangen. Sie umarmen sich und tanzen und singen miteinander, Jaroslav rezitiert den Spruch aus dem Seelenkalender und dann werden die Arbeitsaufgaben verteilt. Doch bevor es an die Arbeit geht, massieren sich alle im Kreis gegenseitig die Schultern – ein Element, das wir sehr gern mit in unser Institut nehmen würden.
Auch wenn wir das Licht über dem Acker nur ahnen konnten, die Camphill-BewohnerInnen können es bestimmt schon sehen. Ich war erstaunt und ergriffen, mit wieviel Frieden und innerer Gehaltenheit manche der BewohnerInnen auf dem Acker standen und einfach nur schauten und lächelten.
Noch eines würden wir gern als Geschenk aus dem tschechischen Camphill mit in unser Institut bringen: Die herzdurchströmte Freude, mit der sich GärtnerInnen und BewohnerInnen jeden Morgen begrüßten, umarmten und dann neu an ihre Arbeit gingen. Wenn wir morgens noch am Frühstückstisch saßen, schritt Jaroslav bereits singend durch den Saal. Diese herzerfrischende Freude erfüllte jeden Tag die Luft. Sie wehte um unsere tschechischen Freunde und steckte uns an.


Konrad und Pia schwingen die Hacken

Zum Abschluss unseres Aufenthalts putzten und schmückten wir den Saal für den Osterjahrmarkt am Sonntag. Das war auch unser Tag. Wir hatten in den drei Wochen zuvor zwei Kasperlestücke einstudiert, die Puppen und die Bühne gebaut – und mitgebracht. Das Proben der Kasperlestücke hatte auch unsere Abendstunden ausgefüllt, denn eines davon sollte am Sonntag auf Tschechisch gespielt werden. Diesen Tribut an die Gastfreundschaft hatten unsere tschechischen Freunde erbeten.


Kasper, Seppel und die Äppel

Ein Epilog als Lob.
In jede der Kasperpuppen ist etwas von der Persönlichkeit des bzw. der Spielerin eingeflossen. Zugleich haben die 12 Auszubildenden gemeinsam an etwas gearbeitet, das ausschließlich für den Jahrmarkt bestimmt war. Dadurch haben die zwölf SozialassistentInnen einen echten gemeinschaftlichen Akt vollbracht. Selbstlos. Ohne Notenzwang. Für Freunde, die sie erst kennen lernen durften.


Gruppenfoto A2

Tanja Täubner

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