Joseph Beuys. Aufruf zur Alternative von Prof. Dr. Eugen Blume

oseph Beuys. Aufruf zur Alternative1

von Prof. Dr. Eugen Blume

eingestellt: Fr.25.05.2012

diese lapidare Überschrift eines Textes, erschienen ein Tag vor Weihnachten 1978 in der Frankfurter Rundschau2, also vor beinahe 34 Jahren, lässt uns in zwei Richtungen fragen, zurückblickend, welche Alternative gemeint war und vorwärts gedacht, die Frage, was von diesem Aufruf für die Gegenwart und Zukunft geblieben ist. Ich will aber keine Bilanz ziehen, um gleichsam unterm Strich abzuwägen, wie viel Realitätssinn dieser Forderung nach einer anderen Gesellschaft zugrunde lag. Ich möchte vielmehr allgemeiner oder direkter nach dem Ereignis selbst fragen.

Beuys hatte sich zunächst im Geiste Immanuel Kants die Freiheit genommen und „zwar die unschädlichste unter allem, was Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.“3 Als der deutsche Philosoph diesen Satz 1783 drucken ließ, war es noch nicht selbstverständlich, öffentlichen Gebrauch von seinen Gedanken zu machen. Kant rang um den modernen Gelehrten, der „zum eigentlichen Publikum, nämlich der Welt“ und „in seiner eigenen Person“ spricht und seine Gedanken öffentlich vorlegt und sich nicht „vor Schatten“ fürchtet, die dieses Wagnis auf ihn werfen könnte.4 1978, nahezu 200 Jahre später, erschien dies in der politischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland wie eine Selbstverständlichkeit. Heute, 2012, sind wir von diesem Selbstverständlichen des kritischen Denkens weit entfernt. Nicht dass wir in eine die Meinungsfreiheit einschränkende Diktatur geraten wären, das Meinen hat vielmehr Konjunktur, aber die kritische Rede oder das ihr vorausgehende kritische Denken, das in den Kern der Verhältnisse zielt, ist beinahe aus der Öffentlichkeit verschwunden. Im selben Jahr wie Beuys, 1978, konstatierte der französische Philosoph Roland Barthes: „Man kann sagen, daß sich die Medienzivilisation durch die (agressive) Ablehnung aller Zwischentöne definieren läßt.“5 Inzwischen haben wir uns nicht nur an die Abwesenheit der Zwischentöne in allen Nachrichten gewöhnt, die uns die Medien täglich vorsetzen, sondern jedes öffentliche Meinen wird wie alle Verhältnisse vor allem nach dem Nutzen im Sinne eines Handels evaluiert. In ein im Hinblick auf einen materiellen Ertrag nutzloses aber vernünftiges Wagnis wird kaum mehr investiert. Die Unbedingtheit öffentlichen, kritischen Denkens ist in Gefahr zu verschwinden, stattdessen drängt sich nach vorn, was der französische Philosoph Plínio Prado als „neue Offensive beschreibt, die darauf zielt, die Verwendung der Zeit als ökonomische Einheit (das Gesetz der Kapitalrendite) auf die Universitäten, auf die Berufung zur Forschung und Lehre, sowie auf die Arbeit des Geistes insgesamt auszuweiten: sie den Gesetzen des Handels zu unterwerfen.“6

Vor dieser Hegemonie des Handels und der daraus hervorgehenden Wirtschaftskultur, die in allen tauschwerten Beziehungen eine nur tote Lebendigkeit evoziert, hatte Beuys in seinem Aufruf, der vor allem die Frage nach dem Wie unseres Denkens stellt, gewarnt und darin ist er über dem Ende der bipolaren Weltenteilung 1989 hinaus aktuell geblieben. Das Ende der Mauer, die nicht nur Deutschland, sondern Europa teilte, ist, so der allgemeine Tenor der Historiker, von einer gewaltfreien Revolution herbeigeführt worden. Diese Umwälzung so begrüßenswert sie war, hatte aber nicht nur keine der Voraussetzungen erfüllt, die Beuys in dem Aufruf als Bedingung seiner gewaltfreien revolutionären Veränderungen verstanden hatte, sondern sich noch weiter von den dort erhobenen Forderungen entfernt. Der östliche Staatskapitalismus war in einem Bankrott zugrunde gegangen und von dem effizienteren westlichen Industriekapitalismus übernommen und seine Immobilien treuhänderisch verteilt worden. Obwohl sich eine tiefgreifende Veränderung vollzog, die nicht nur die östliche, sondern die gesamte Welt betraf, wurde an den ökonomischen Verhältnissen nichts geändert, im Gegenteil, sie wurden zugespitzt. Der Industriekapitalismus erreichte durch die digitale Revolution eine Geschwindigkeit und effiziente Berechnungsdichte, die vor allem die Finanzmärkte in schwindelerregende Spekulationen führte und das Geld endgültig in eine magische Dimension hineintrieb, in der intransparente Spekulationen für grenzenlose Gewinne sorgten. Die Finanzeinrichtungen wurden nun die mächtigsten Unternehmen der Welt. Großbanken im Verbund mit einigen wenigen Großunternehmen halten heute das soziale und ökologische Schicksal dieser Erde und damit der Menschheit in ihren Händen.

Die von Beuys in dem Aufruf genannte zentrale Forderung nach dem Funktionswandel und Entzauberung des Geldes beruhte auf nationalökonomische Erkenntnisse von Rudolf Steiner und deren Fortführung durch Wilhelm Schmundt, den Beuys 1973 in Achberg persönlich getroffen hatte.7 Die bisher folgenlos gebliebene Diskussion um das sogenannte Grundgehalt oder bedingungslose Grundeinkommen sind aktuelle Anschlüsse an die von Beuys und Schmundt allerdings viel grundsätzlicher geführte Debatte über die Veränderung des Geldkreislaufes.8

2012 sind wir vielmehr inmitten eines totalen Monetarismus, dessen Folgen auch für die wohlstandsgewohnten Gesellschaften in den europäischen und nordamerikanischen Finanzkrisen erstmals allgemein sichtbar wurden, der aber lange vorher schon damit begonnen hatte, die Vorzüge einer mit dem östlichen Sozialismus konkurrierenden sozialen Marktwirtschaft sukzessive abzubauen. Eine Gesellschaft, die alles auch ihre Imponderabilien unter das Maß der Wirtschaft oder Gesetz der Kapitalrendite stellt, beraubt sich naturgemäß der Freiheit des Denkens, das nur in einem unbedingten geistigen Klima gedeihen kann. Schon 1968 hatte der französische Philosoph Jacques Lacan darauf hingewiesen, dass die neue Technokratie bestrebt war, das Wissen auf einen Gegenstand des Marktes zu reduzieren, also alle darüber hinausgehenden durch das kritische Denken hervorgebrachten Überlegungen und Argumente zu nivellieren und außerhalb der die Rendite fördernden Wachstumsmanie keinerlei Lebensziel für die gesamte Gesellschaft zu setzen. Europäische Politiker beschwören inmitten eines maßlosen Wohlstandes bei gleichzeitiger – was die geistigen Verhältnisse anbelangt9 – sinkender Lebensqualität die Wachstumsformel als Garant des Status quo oder sogar eines noch höheren materiellen Lebensniveaus.

Die Forderung von Beuys, vor allem das „Wie“ unseres Denkens zu befragen, setzte zugleich Zwecke, Richtungen in die wir denken und handeln müssen, um als Menschheit überleben zu können. Es ging und geht noch immer um die gleiche existenzielle Frage: wie wir als Menschen in Frieden leben können, ohne unsere Lebensgrundlagen aufzuzehren. Der praktischen Lösung dieser Aufgabe, die vor allem die soziale Frage einschließt, sind wir, trotz ausgezeichneter Analysen, noch keinen Schritt näher gekommen, die Entwicklungen in der Naturbeziehung des Menschen aber haben bisher nicht gekannte dramatische Grenzen erreicht, denken wir nur an die Klimaveränderung, an Naturkatastrophen wie in Japan, die mit der Apokalypse unbeherrschbarer Technologien einhergehen, deren Ausmaß wir in Europa bereits 1986 mit Tschernobyl erleben durften.

Einem Aufruf eines Künstlers, nicht einer Erklärung oder einem Interview stellte 1978 eine große Tageszeitung eine ganze Seite zur Verfügung.10 Inmitten dieses Textes stand das Bildnis des Künstlers wie ein Siegel, das die Glaubwürdigkeit, die Authentizität, aber auch den Anspruch und das Ungewohnte der Gedanken bezeugte, die hier von einem Gelehrten im Sinne Kants mit dem dramatischen Mittel des Aufrufs vorgetragen wurden. Der Text war keine feuilletonistische Einlassung auf kulturpolitische Fragen, sondern eine Kampfansage an die herrschende Politik und eine allgemeine Aufforderung, sich mit den Vorschlägen handelnd auseinanderzusetzen. Der Text war eine Zusammenfassung all dessen, wofür Joseph Beuys seit seinem Erscheinen in der Öffentlichkeit stand: die Veränderung aller gesellschaftlichen Verhältnisse durch den als ultima ratio verstandenen Erweiterten Kunstbegriff. In dieser einen Zuspitzung auf die Kunst als die ultima ratio regum11, also das letzte Mittel der Könige, wobei Beuys unter Könige das Volk als Souverän verstand, unterschied sich der Aufruf grundlegend von allen anderen politischen Texten, aber auch von allen Manifesten der Kunst, wie wir sie seit der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts kennen.

Die eigentliche Frage war, wer der Souverän ist und wer den Anspruch aus welchem gerechtfertigten Grunde erhob, den Souverän allein aus der Kunst heraus zu sich kommen zu lassen. Denn eines war klar, der Souverän als König der Schöpfung war in dem Dilemma seiner permanenten tragischen Verirrungen nahezu restlos verborgen. Er musste aus dieser Verborgenheit befreit werden, das heißt seine wirkliche Stimme sollte hörbar gemacht werden. Nun erfüllte sich dieses Hörende nicht allein in der politischen Organisationsform der Direkten Demokratie, für die Beuys nicht nur eingetreten war, sondern die er mit seinem Büro für Direkte Demokratie durch Volksabstimmung auf der Documenta 5 in Kassel 1972 als Teil seines Erweiterten Kunstbegriffs diskutierte. Auf den Einzelnen bezogen, hieß ultima ratio regis, das letzte Mittel des Königs, nichts anderes als Beuys‘ universales Motto „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Beuys hat diesen Satz nicht erfunden. Er ist aus einem Prozess des Denkens hervorgegangen, den Beuys als eine seiner geistigen Wurzeln benannt hat, aus dem deutschen Idealismus und dessen Verzweigungen, der Romantik und schließlich der Naturphilosophie. Die erstmals in der Frühromantik vollzogene Verbindung von Naturphilosophie und Autonomie der Kunst, die zugleich eine Freiheitsphilosophie war, ist eine wesentliche geistige Voraussetzung, ohne die Beuys sein System des Erweiterten Kunstbegriffs nicht hätte entwickeln können. Auch seine Vorstellungen von einer ökologischen Kunst führen in ihrem Versuch, die geistigen Kräfte der Natur bildnerisch anzusprechen, über jede notwendige präventive Vorsorge eines Naturschutzes hinaus in den geistigen Zusammenhang der aus der Naturphilosophie entwickelten Subjektphilosophie.

Wir wissen, dass Beuys in seinem berühmten Satz den historisch bedingten Imperativ des Novalis, das „Jeder Mensch sollte ein Künstler sein“12 in den Indikativ, in die Wirklichkeitsform „ist“ geändert hat. Erst dieser einfach scheinende Schritt, der auf diesem existentiellen Felde von jeder Maßnahme absieht, die erst die Voraussetzungen im Menschen wie auch immer schaffen muss, sondern vielmehr das Künstlerische als ein das Menschsein (das Selbst) a priori konstituierendes Wesen auffasst, begründet die Gewissheit, es mit dem Souverän zu tun zu haben. Künstlerisch ist hier synonym mit dem Kreativen aufgefasst, mit dem Menschen als Kreator, als das irdische Alter ego Gottes, dem Schöpfer schlechthin. Beuys war angetreten, die Menschen von dieser Lösung zu überzeugen, die letzthin in ihnen selbst angelegt war. Das Wort Lösung bedeutete nicht nur, dass er offenbar einen schlüssigen Weg vorweisen konnte, sondern dass es notwendig war, sich von einem Denken, für Beuys war es das materialistische, dem Tod verbundene Denken, zu lösen, um souverän, was von seiner lateinischen Wurzel her nichts weniger als „über allen stehend“ bedeutet, tatsächlich agieren zu können. Wenn der Souverän nun das Volk und dieses den Menschen als Künstler meint, also nicht wie der Nationalsozialismus zwischen Rassen und der Marxismus zwischen Klassen unterscheidet, sondern den Menschen schlechthin nach seiner Kreativität nicht im Sinne systemaffirmativer Dekoration befragt, sondern vorurteilsfrei nach seiner Schöpferkraft in den Maßverhältnissen der Erde, also wahrer Ökologie, haben wir ein neues, in die Zukunft gerichtetes Koordinatensystem. Novalis Vorstellung, dass „Jeder Mensch sollte ein Künstler sein “, lag die auf die Mystik zurückgehende Idee der Ausfaltung innerer Kräfte zugrunde, die sich auf das Christuswort stützte: „Das Reich Gottes ist inwendig in Euch.“ Zunächst ging es im christlichen Universalismus13 um die an Christus aufgerichtete Gewissheit, dass der Mensch die Souveränität aus sich selbst hervorbringen kann, dass er nicht ein Produkt seiner Bedingungen ist, sondern dass er die Verantwortung für sich bereits besitzt und nicht erst durch Vormünder verliehen bekommt. Beuys hat den von Rudolf Steiner sogenannten Christusimpuls mit seinem Freiheitsbegriff verbunden und eine seiner provozierenden Aktionen 1969 mit dem leicht abgeänderten Bibelzitat überschrieben „Ich versuche Euch frei zu lassen (machen).“14

Die Frage war, wie erlangt der Mensch die der Freiheit vorausgehende Einsicht in die Wahrheit dessen, was ihn konstituiert? Beuys Antwort ist der Erweiterte Kunstbegriff und in seinen permanenten Diskursen folgte er der berühmten Doxa Kants: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ 15 Wenn der Mensch sein Unglück durch „Faulheit und Feigheit“ als Ausdruck seiner Bequemlichkeit16, wie Kant meinte, selbst verschuldete, ist der erste logische Schritt in die Freiheit die Arbeit an der eigenen Form. Aber nicht als hedonistischer Egozentrismus, sondern an einer Form der Wandlung, die ganzheitlich also in Rücksichtnahme auf alle Lebensbedingungen immer wieder entstehen muss. Nach der plastischen Theorie von Beuys, die Grundlage seines Erweiterten Kunstbegriffs, gibt es keine vorherbestimmte Form, wenn auch Richtkräfte, die diese Form bilden.

„Über allen stehend“, diese alte Formel für den Souverän bezog sich auf den absolutistischen König und seine despotischen Nachfolger, die über einem Heer von Unmündigen herrschten, denen sie unverrückbar ihre Lebensform aufprägten. Die neue Herrschaft des Souveräns, Beuys spricht von einem realen Sozialismus, konnte nur durch die Abschaffung dieser Fremdbestimmung erlangt werden. Die Frage war wie so oft in der bisherigen Geschichte: wie sollte diese Veränderung vor sich gehen? Wir kennen die blutigen Ergebnisse der Revolutionen und ihrer nachfolgenden Praxis, die seit 1789 bis in das 20.Jahrhundert hinein versuchten, dem Absolutismus und Herrschaft des Kapitals eine freie Menschengemeinde folgen zu lassen. Dieser gewaltsame Weg hatte sich historisch als Sackgasse erwiesen.

Novalis hatte verstanden, dass die Kunst der umfassendste an den Menschen gerichtete Anspruch war, sich handelnd zu verwirklichen, hatte also die Summe des Künstlerischen bereits über das von Hegel später verkündete Ende der (klassizistischen) Kunst hinausgehoben. Vor Beuys ist diese Rolle der Kunst als Emanzipationskraft in der von Novalis bereits gedachten Allgemeinheit (jeder sollte) nicht wieder aufgegriffen worden. Das Jahrhundert der Extreme, in das Beuys 1921, drei Jahre nach dem Ende des Weltkrieges hineingeboren wurde, ist gleichsam durchwoben von säkularen Erlösungsutopien, die auch Ausdruck des Machtverlustes des Christentums und des damit einhergehenden eschatologischen Indikativs sind. Im Glaubensverlust manifestierte sich zugleich etwas, was Schelling Transzendenzverrat nannte, die Aufgabe der Vorstellung nämlich, dass sich der Mensch an seiner äußersten Grenze transzendieren, aus seiner Immanenz in den göttlichen, das heißt kreativen Urgrund seines Seins eingehen könne. Ein Verrat dieser Vorstellung bedeutete Schelling einen in der Menschheitsentwicklung unvergleichlichen Verlust des Menschenbildes und zugleich dem Bösen in einem nicht gekannten Maße Vorschub zu leisten.17 Den Höhepunkt dieses Verrates an der Menschheit hatte Beuys aktiv erlebt. Seine Heimatstadt Kleve war, wie die Fotografien des dort ansässigen Fotografen Otto Weber18 ausweisen, eine Hochburg des expressiven Biologismus, der sich euphemistisch Nationalsozialismus nannte. Der historistische, abenteuerlich römisch-atheistische Eklektizisimus der deutschen Faschisten hatte für die Jugend etwas Verführendes, was aus der Enge der frömmelnden Disziplinierung des Elternhauses einen freien Austritt in die Welt versprach, in der nach ihrem Führer den arischen Deutschen die Macht gehörte. Auch in dieser Bewegung verbarg sich ein ideales Menschenbild, das auf einer rassistischen Hygiene gründete, deren wahnsinnige Konstruktion und noch vielmehr deren grausame Praxis von Menschen erdacht wurde, die ihr Handeln als revolutionär verstanden.

Im sogenannten Dritten Reich wurde nicht etwas fortgesetzt oder vollendet, was die Deutschen bereits im 18./19. Jahrhundert angedacht hatten, wie man immer wieder lesen kann, sondern es wurden die Ideale der Aufklärung wie der Romantik zerbrochen oder durch Verfälschung vom Virus des rassistischen Führungsanspruchs infiziert. Im Zusammenbruch dieses Wahngebildes erschienen die Deutschen ohne Kultur, ohne Geschichte, ohne Nationalität. Kollektiv hatten sie sich eine monströse Hypothek aufgeladen, die durch nichts zu tilgen war. Bewusst in diesen Abgrund der Schuld zu blicken war 1945 eine im Grunde nicht gestellte Aufgabe, die im Wiederaufbau, wirtschaftlichem Erstarken und im sogenannten Kalten Krieg immer weiter verdrängt wurde.

Beuys hatte diese Aufgabe aus einer tiefen Sinnkrise heraus, die ihn Mitte der 1950er Jahre an den Rand des Lebens führte und in der er wohl erstmals realisierte, woran er sich als junger Fliegersoldat beteiligt hatte, auf seine Weise in das Zentrum seines Handelns gestellt. Seine Selbsterholung aus einer tiefen Depression begriff er als eine exemplarische Möglichkeit für die Gesellschaft. Seine Heilung war der Versuch einer Selbsterfindung und einer Neudefinition seiner Biographie. Beuys wollte an sich selbst das „Freilassen (machen)“ als öffentliches Experiment vollziehen. Er hob programmatisch den Unterschied zwischen Werklauf und Lebenslauf auf und machte sich zur signifikanten, das heißt öffentlichen Person. Sein ungeteiltes Leben verstand er spätestens seit Mitte der 1960er Jahre als Werk, als einen plastischen Prozess, der öffentlich seine Formfindung, seinen Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit vollzog. Doch erschien hier nicht ein neuer Weltverbesserer, ein Ideologe oder Erlöser, sondern ein Aufklärer, der mit seiner plastischen Theorie eine antiideologische Methode entwickelt hatte. „Nein, ich fühle mich nicht als Erlöser, aber ich möchte auf die Möglichkeit des Menschen aufmerksam machen, dass er sich jeweils selbst erlösen kann“19 , das war 1984, zwei Jahre vor seinem Tod, eine reale biographische Erfahrung und keine zynische Phrase.

Beuys nannte seine umfassende Utopie, die er zunächst zeichnerisch in vier Kladden einschrieb, Mitte der 1950er Jahre „Projekt Westmensch“. Das „Projekt Westmensch“ ist kein politisches Unternehmen im herkömmlichen Sinne. Seine Maxime „Jeder Mensch ist ein Künstler“ beansprucht keinen Gesetzesstatus, aber die Bedingungen, unter denen die freie Entfaltung des Menschen uneingeschränkt möglich werden kann.

Beuys hat sich auf Rudolf Steiner und u.a. auf dessen Entdeckung der Dreigliederung des gesellschaftlichen Organismus berufen und mit ihm die uneingelöste Forderung der Französischen Revolution von 1789 nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf das Geistesleben, Rechtswesen und die Wirtschaft bezogen.

Während Ende des 18.Jahrhunderts in Frankreich die Revolution im Blute erstickte, führte die Aufklärung in Preussen zu ersten wesentlichen Erfolgen im Geistesleben, zum Beispiel 1809 in Berlin zur Gründung der ersten modernen Universität durch Wilhelm von Humboldt und den Philosophen Friedrich Schleiermacher und Johann Gottlieb Fichte, deren universitäres Selbstverständnis mit Jacques Derridas späteren Forderung nach einer unbedingten Universität20 wesenhaft übereinstimmte.21

Beuys hatte sich mit der staatlichen Akademie überworfen als er gegen den numerus clausus für Kunststudenten mit Mitteln des politischen Kampfes antrat.22 In der Folge verlor er seine Lehrbefugnis und gründete die FIU, die als freie Universität gleichsam ambulant der Aufklärung zur Freiheit diente. Beuys gründete mit geistesverwandten Freunden, u.a. dem Schriftsteller Heinrich Böll, eine freie Universität, die in der Tradition der modernen Universität stand, wie sie von Humboldt, Schleiermacher, Fichte u.a. verstanden worden war. Der erwähnte Plinio Prado beschreibt das Wesen dieser Universität wie folgt: „Die autonomia des kritischen Denkens, die Verantwortung vor diesem und die ethische Strenge, von der sie untrennbar ist …, erfordern also, dass in den Universitäten unbedingt ein Ort der nicht-zweckgebundenen Aktivitäten, Forschungen, Untersuchungen und Lehren erhalten, geschützt und ermutigt wird: kostenlos, interesselos, nicht utilitaristisch, nicht funktionalisiert und nicht rentabel.“23 An andere Stelle schreibt Prado weiter „Aufruhr und Verunsicherung sind die Bedingungen, welche für die Bereitschaft des Ereignisses erforderlich sind, also die Bereitschaft zu dem was unerwartet geschieht. Dies gilt für jedes Betätigungsfeld, dem man sich verschreibt – für Wissenschaft, Kunst, Technologie, Literatur, Philosophie, Ethik, Didaktik oder Politik.“24

Beuys blieb nicht nur Zeit seines Lebens vor allem Lehrer und Gelehrter, sondern sorgte in seinem umfassenden Tun für Aufruhr und Verunsicherung gegen eine doktrinäre Erstarrung, für die, wie Roland Barthes es nannte, Nuance, die für Barthes die Poesie auszeichnete und die das Leben selbst ist.25

Der sprachliche Austausch, die permanente Konferenz, kurz das Sprachwerk von Beuys, was ich als seine umfassendste Plastik verstehe, ist der nach seinem Tode am meisten negierte Teil seines OEuvres. In der relativistischen Gestimmtheit einer neoliberalen Wirtschaftskultur in der die Dinge nur durch geldwerten Tausch ihre Realität bezeugen, geraten die der Nuance verpflichteten Impoderabilien unter Verdacht unwahr oder nicht real zu sein.

Beuys hatte sich zu Beginn der 1980er Jahre entschlossen, nicht mehr im Museum auszustellen, weil er dieser Institution skeptisch gegenüber stand, was das Mitwirken an einem öffentlichen kritischen Denken anbelangte. Sein letzter Dokumenta-Beitrag unter dem Titel „7000 Eichen“, der 1982 realisiert wurde und 1984 durch die Pflanzung des letzten der 7000 Bäume seinen vorläufigen Abschluss fand, ist nicht nur ein sozialökologisches Werk, an dessen Verwirklichung eine Vielzahl von Menschen teilnahmen und noch immer teilnehmen, sondern ein programmatisches Sinnzeichen und zugleich Praxis des 1978 veröffentlichten Aufrufs zur Alternative. Die Pflanzaktion richtete sich gleichermaßen gegen die ökologische wie geistige Wüste, die sich in der Welt auf eine dramatische Weise ausbreitete.

„Die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten birgt!“ hatte Friedrich Nietzsche in den 80er Jahren des 19.Jahrhunderts in seinem Werk Zarathustra den Menschen zugerufen. Martin Heidegger, der dieser Gedichtzeile in der Erfassung des Zustandes der Welt eine hohe Bedeutung zumaß, hat deren Doppelsinn beschrieben: „Die Verwüstung der Erde kann mit der Erzielung eines höchsten Lebensstandards des Menschen ebenso zusammengehen wie mit der Organisation eines gleichförmigen Glückszustandes aller Menschen. Die Verwüstung kann mit beiden das Selbe sein und auf unheimlichste Weise überall umgehen, nämlich dadurch, daß sie sich verbirgt. Die Verwüstung ist kein bloßes Versanden. Die Verwüstung ist die auf hohen Touren laufende Vertreibung der Mnemosyne.“26

Die Mnemosyne, von der hier Heidegger spricht, die Tochter von Himmel und Erde, ist bei den Alten Griechen die Mutter der Künste, wenn wir die Musen einmal in dieses moderne Wort übersetzen und sie ist es bis heute geblieben. Jede Kunst ist immer zugleich eine aus dem Denken kommende Gedächtniskunst, sie muss ein Andenken an den Ursprung sein. Auch die Großskulptur „7000 Eichen“ ist vor ihrer sozialen Aktion zunächst ein Bild, was die Mnemosyne anruft. Sie ist in mehrfacher Hinsicht ein Denkbild, was in der organischen Wachstumsform des Baumes und der kristallinen Geschlossenheit des Steines das synchronistische Prinzip, die Einheit der Gegensätze vor Augen führt, ein Bild also, was an die Kräfte des Ursprungs der Evolution rührt. Das spezifische Denken der Kunst ist im Grunde die Anbindung an den ursprünglichen Sinn, den die Griechen dem von ihnen als techne bezeichneten künstlerischen Handeln gaben, was eben nicht Handwerk bedeutete, sondern vielmehr die Technik des Erkennens des im Mythos und Logos verborgenen Wesentlichen des Menschseins. Lassen Sie mich noch einmal Martin Heidegger zurate ziehen, der in seiner 1951 und 1952 gehaltenen Vorlesung „Was heißt denken?“ das „Was“ noch vor dem von Beuys aufgeworfenen „Wie“ des Denkens stellte. Heidegger, der die gewagte Behauptung aufstellte, der Mensch würde noch nicht denken, weil er nicht das Bedenklichste denkt, führt uns, auch wenn er die Menschheit insgesamt anspricht, auf die Kunst, die, wenn sie Kunst ist, das Bedenklichste also das Äußerste sowohl als Form wie als Inhalt denkt. Kunst entsteht aus dem Bedenken des Äußersten, dabei geht es nicht darum, dem dramatischen Ton der Steigerung von Bedenken auf das Bedenklichste zu folgen, also eine Kunst zu fordern, die sich ausschließlich dem Äußersten im journalistischen Sinne der in den alltäglichen Nachrichten überrepräsentierten Katastrophenmeldungen entgegen wirft, sondern ganz im Gegenteil die andere Seite, den Verlust des Schönen und Wahren als ein Bedenklichstes zu behaupten sucht, weil sich gerade diese Seite unserem Denken am weitesten entzogen hat. Es ist leicht nachzuvollziehen, wenn wir durch unsere seelenlosen Städte gehen, der maßlosen Zahl der Dinge in den Auslagen gewahr werden, den gegenwärtigen Sprach- und Denkformen zuhören, nach der Schönheit der Natur und dem Zwischenmenschlichen fragen, überall werden wir bemerken, das sich das Wahre und Schöne am weitesten verborgen hält und das es dieser Entzug ist, der die Verwüstung vorantreibt.

Diese Sorge ist vor allem dem kritischen Denken und der Kunst, der Poesie auferlegt. Beuys hat in den Steinen und den Bäumen von „7000 Eichen“ ein mythisches Bild hinterlassen, dessen Pflege der wachsenden Wüste entgegenwirkt. Denn die Sorge um jeden Baum heißt vor allem die Einheit von Denken und Handeln herzustellen. Gerade weil Beuys nicht einfach nur einen Baum oder 7000 und mehr Eichen pflanzen wollte, hat er durch die Hinzunahme der Basaltstelen ein Bild aufgerichtet, das ein jedes auf diese Weise gepflanzte und gesetzte Paar zum Ausgangspunkt des sich besinnenden und handelnden Denkens erhebt. In diesem Sinne und deshalb habe ich davon gesprochen, ist „7000 Eichen“ nicht nur ein elementarer Speicher aller Sinnzusammenhänge, die Beuys in seinem Lebenswerk berührt hat, sondern eine über den Stadtraum gelegte Universität. Vor jedem Baum könnten sich Lehrer und Schüler versammeln, um sich gemeinsam zu Menschen auszubilden, souverän zu werden, kritisch zu denken, Aufruhr und zivilen Ungehorsam zu üben und im Sinne des griechischen therapeia an ihrem eigenen Ethos zu arbeiten.27

Zum Autor: Prof. Dr. Eugen Blume ist Leiter des Museums „Hamburger Bahnhof“ in Berlin

1 Festrede, gehalten anlässlich 30 Jahre „7000 Eichen“ Hörsaal der Kunsthochschule Kassel am 16.März 2012

2 Joseph Beuys, Aufruf zur Alternative, Frankfurter Rundschau, Feuilleton, Samstag, 23.Dezember 1978, Nr. 288, S. II

3 Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung, in: Immanuel Kant, Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik, Werke in zehn Bänden (Hrsg. Wilhelm Weischedel) Darmstadt 1971, Band 9, S. 55

4 ebenda, S.57 (zit.n.: Jan Masschelein, Maarten Simons, Jenseits der Exzellenz, Zürich 2010, S.47)

5 Roland Barthes, Sitzung vom 27. Januar 1979, in: ders.: Die Vorbereitung des Romans. Vorlesung am Collége de France 1978-1980, Frankfurt/Main 2008, S.93. Zit.n.: Plínio Prado, Das Prinzip Universität, Zürich 210, S.47

6 Prado 2010, S.5

7 vgl. Wilhelm Schmundt, Zeitgemäße Wirtschaftsgesetze, Achberg 1980 u. ders.: Zwei Grundprobleme des 20.Jahrhunderts, Wangen 1988.

8 vgl. Thomas Straubhaar (Hrsg.): Bedingungsloses Grundeinkommen und Solidarisches Bürgergeld – mehr als sozialutopische Konzepte. Hamburg University Press, Hamburg 2008

9 Hierzu zählen vor allem die europäische Universitätsreformen im Zuge des sogenannten Bologna-Prozesses (1999), die Einführung eines konsekutiven, zweistufigen Abschlusssystems Bachelor und Master in Deutschland, die damit einhergehende Verschulung, Bürokratisierung und Verwirtschaftlichung der Hochschulen; die Verwirtschaftlichung der Kunst in einem nach ökonomischen Gesetzen organisierten Kunstbetrieb (Angebot und Nachfrage). Auch Museen arbeiten zunehmend unter wirtschaftlichen Prämissen, produzieren angepasste populistische Programme zugunsten der Erhöhung von Besucherzahlen.

10 Laut Aussagen von Johannes Stüttgen hatte die Zeitung die Seite für ein Kunstwerk, etwa eine Zeichnung von Beuys freigehalten, um sich schließlich überraschend mit einem Text konfrontiert zu sehen.

11 Das Motto „ultima ratio regum“ war im 17.Jahrhundert auf den Kanonenrohren des französischen Königs Ludwig XIII. zu lesen. Die Idee stammte von seinem Minister Kardinal Richelieu. Friedrich II. übernahm später dieses Motto und ließ es auf seine Kanonen allerdings in der Einzahl „ultima ratio regis“ einschreiben.

12 »Jeder Mensch sollte Künstler seyn. Alles kann zur schönen Kunst werden« Novalis: Glauben und Liebe und Politische Aphorismen. 1798. In: Novalis. Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs. Herausgegeben von Hans-Joachim Mähl und Richard Samuel. München – Wien 1978, S. 287-309, hier S. 303

13 vgl. Alain Badiou, Paulus. Die Begründung des Universalismus, Zürich 2009

14 Diese Aktion fand am 27. Februar 1969 im Rahmen der von René Block organisierten Veranstaltung „Blockade 1969“ an der Akademie der Künste in Berlin statt. Beuys wurde mit seinem Mitakteur Henning Christiansen von Studenten allerdings gewaltsam an der Aufführung gehindert.

15 Kant 1971, S. 53

16 ebenda

17 vgl. Rüdiger Safranski, Das Böse oder das Drama der Freiheit, München 1997

18 Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.) Tausend ganz normale Jahre. Ein Photoalbum des gewöhnlichen Faschismus von Otto Weber (ausgewählt von Hildegard Weber), Die andere Bibliothek (Sonderband), Nördlingen 1987

19 Joseph Beuys im Gespräch mit Elisabeth Pfister, in: Mennekes 1996, S. 87

20 vgl. auch: Erik Ode, Das Ereignis des Widerstands: Jacques Derrida und „Die unbedingte Universität“, Würzburg 2006

21 Jacques Derrida, Die Zukunft der Universität, Frankfurt/Main 2001

22 1972,

nach der zweiten friedlichen, gegen den Numerus Clausus gerichteten Besetzung des Sekretariats der Düsseldorfer Akademie im Oktober 1972 wurde Beuys fristlos gekündigt. Der folgende jahrelange Rechtsstreit endete 1978 mit einem Vergleich.

23 Prado 2010, S.38

24 ebenda, S. 27

25 zit.n.: Prado 2010, S.

26 Martin Heidegger, Was heißt denken?,Stuttgart 1992, S.18

27 vgl. hierzu nochmals: Prado 2012, S. 87

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