Eröffnungsrede „Franz Marc / Joseph Beuys: Im Einklang mit der Natur“ Franz Marc Museum, Kochel am See am 18.9.2011 von Prof. Dr. Eugen Blume

Eröffnungsrede „Franz Marc / Joseph Beuys: Im Einklang mit der Natur“ Franz Marc Museum, Kochel am See am 18.9.20111

von Prof. Dr. Eugen Blume

eingestellt: Fr.25.05.2012

In dem Buch „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche, das nichts weniger forderte als die Erlösung von der Rache und das seltsamerweise so viele junge Menschen in die Materialschlachten des Ersten Weltkrieges trugen und im fahlen Licht der Unterstände schlammiger Schützengräben zu entziffern suchten, steht der uns noch immer rätselhafte und zugleich zentrale Satz: „der Mensch ist das noch nicht festgestellte Tier.“ Möglicherweise hält dieser Satz einen der Schlüssel bereit, wenn wir versuchen wollen, das Tor der geistigen Beziehungen aufzustoßen, die Franz Marc und Joseph Beuys veranlasst haben, sich dem Tier als einem inneren Kern ihrer gesamten Kunst zuzuwenden. Nun waren beide im klassischen Sinne weder Tiermaler, noch Tierbildhauer, obwohl ihre zoologischen Interessen und anatomischen Studien weit über eine bloße thematische Anteilnahme hinausreichen. Sie wollen und das ist die ihnen wesentliche Gemeinsamkeit, einen bildnerischen Weg in den tiefen geistigen Ursprung bahnen, der nicht nur das Erscheinen des Menschen aus dem Tier erklärt, sondern der den untrennbaren seelischen Zusammenhang über jede darwinistische Logik stellt. Beide wollen imgrunde und nur Beuys kann es als später Geborener so formulieren, eine anthropologische Kunst. Dieser Begriff scheint oberflächlich gesehen auf Franz Marc nicht zuzutreffen, besonders wenn man seinen Satz vernimmt, der weit von einer solchen Idee entfernt scheint: „Die Kunst wird sich von Menschenzwecken und Menschenwollen befreien.“1 Wir müssen also das Anthropologische über das nur menschenkundliche Interesse hinausdenken. Die von Beuys als anthropologisch bezeichnete Kunst erhebt sich zudem über jede, bis in Marcs Lebenszeit hinein lebendige Idee einer nur der Einfühlung verpflichteten Bildkunst. Sie reicht und dies klingt in den letzten Briefen und Texten von Franz Marc bereits an, in das Gebiet der Utopien, in den Willen, die Welt von der Kunst her umzugestalten. Eine von „Menschenzwecken“ befreite Kunst ist noch als reine Bildkunst verstanden, die einen anderen Geist als die alles immer wieder verderbende menschliche Intelligenz (ratio) sprechen lassen will, ihr Zweck aber ist gleichwohl dem Menschen zu dienen, der das unverzichtbare Gegenüber bleibt. Marc sucht, wie er schreibt, die Offenbarung der „anderen Seite“2 , die Beuys als „drittes Element“ bezeichnet hat und damit die metaphysische Weltbeziehung meint, die der Mensch zu der ihm verliehenen Vernunft hinzuziehen muss, um sein Ich und seinen tödlichen Egoismus überwinden zu können. In den Briefen aus dem Feld, wie es so schön heißt, liest man bei Franz Marc Gedanken, die ihn in eine erstaunliche Nähe zu Beuys bringen. Auch Franz Marc, könnte man sagen, ist, ohne dass Beuys ihn namentlich nennt, einer der Kooperateure, nach denen Beuys die Geschichte durchsucht hat, um seinem Auftrag eine über Jahrtausende währende geistige Grundlage nachzuweisen. Jesus von Nazareth, der Begründer der Nächstenliebe, ist für Beuys der erste Zeuge seiner metaphysischen Zuversicht, in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts eine andere Welt entwerfen zu können.

Marc schreibt im November 1914 in dieser Hinsicht nicht nur als ein verwandter im Geiste, sondern ebenfalls als ein homo religiosus, „nur denke ich, dass man nicht auf alte Glaubensformeln und Gewohnheiten zurückgreifen kann, wenn man wirklich Grund fassen will in diesem Meer von Unruhe…, sondern das sich ganz neue religiöse Gedanken bilden werden… Darüber grüble ich viel, wohin, auf welches Ziel und in welche Formen sich der moderne Mensch verändern und entwickeln wird. So wie Europa gewesen ist, kann es nicht lange bleiben…“3. Das klingt nicht nach einem einsamen Misanthrop, der zum Tier flüchtet, weil er der Menschen restlos überdrüssig geworden ist. Marc ahnte nicht, dass ihm der tiefste Abgrund der bisherigen menschlichen Geschichte erspart bleiben sollte. Zunächst sollte Europa noch furchtbarer heimgesucht werden: am Ende des nächsten Infernos stand der Name Auschwitz für den Abfall von allem, was den Menschen in seiner höchsten Form auszeichnete und schließlich für eine nicht mehr zu heilende Wunde. Beuys ins Werk gesetzte anthropologische Utopie ist nur aus der schockartigen Realisierung seiner Schuld und der daraus resultierenden, ihn fast zu Tode ringenden psychopathologischen Sinnkrise Mitte der 1950er Jahre zu verstehen. Aus dieser Krise heraus schuf er gleichsam in einem utopischen Fieber sein gewagtes Projekt Westmensch, was den Menschen durch eine total gesetzte Kunst restlos von seiner latenten Barbarei befreien sollte. Jeder Mensch ist ein Künstler lautet das Motto dieser evolutionären Revolution, wie Beuys diesen Gestaltungsprozess nannte. Der Begriff evolutionär sollte sie vor allen grausamen Folgen bewahren, die alle geschichtlichen Revolutionen bisher begleitet hatten Der Weg dahin war nicht einfach zu beschreiten, vor allem ging es um die Weltenwunde, in die das missratene Verhältnis zwischen Mensch und Tier als ursächlich destruktiver Zwiespalt eingeschlossen war. Walter Benjamin hat dieses Verhältnis wohl am treffendsten in dem Satz beschrieben: »Beim Ekel vor Tieren ist die beherrschende Empfindung die Angst, in der Berührung von ihnen erkannt zu werden.«4 Gerade dieses Erkennen birgt die Hoffnung nicht nur, wie Marc meinte, durch die Augen der Tiere die Reinheit der Natur zu schauen, sondern auch und dies wiederum zeigt die Angst, geistig in den inneren Kern der Erbsünde einzutreten.

Marc schrieb im Mai 1915 und es klingt wie ein pathetischer Kommentar zu Beuys anthropologischem Programm: „Man muß sich gänzlich opfern; nicht: sich an die Säule seiner Ideen lehnen…, sondern sein Kreuz tragen, an dem man für die Welt stirbt, – dann nur könnte einst auf unserem Grabstein die Mahnung an die Nachwelt stehen, für die man sich geopfert und Marc zitiert an dieser Stelle die Bibel: „Ihr seid teuer erkauft, – werdet nicht der Menschen Knechte.“5

Beuys hat im Sinne des Energieerhaltungsgesetzes daran geglaubt, dass große Menschen ihre idealen Botschaften nicht nur in ihren Schriften weiterreichen, sondern direkt an geeignete Nachfolger den Auftrag erteilen, da fortzusetzen, wo sie selbst durch ihr physisches Ende aufhören mussten. Beuys fühlte sich vor allem von Rudolf Steiner beauftragt, die Kernthesen von dessen wesentlichster Entdeckung, nämlich der Dreigliederung des sozialen Organismus auf seine Weise zu veranschaulichen. Diese Dreigliederung übertrug Steiner vor allem auf das Denken, dessen höhere Form sich nach seiner Vorstellung aus der untrennbaren Gemeinsamkeit von Imagination, Inspiration und Intuition bildet. Wenn Marc im August 1915 feststellt: „Am Menschengedanken muß man mit der Arbeit ansetzen, nicht an der Politik“6 so klingt es wie ein Satz von Rudolf Steiner, der das erweiterte Denken, was Beuys später mit der Kunst gleichsetzte, als Grundvoraussetzung einer jeden Veränderung begriffen hat. Steiner hat bereits in Marcs Lebenszeit in seinen unzähligen Vorträgen die tiefsten Gedanken über die Tierseele entwickelt, die Marc, obwohl ich davon kein Zeugnis habe, nicht verborgen geblieben sein können. Steiners Gedanken griff Beuys noch 1984 in einem Gespräch mit Studenten der Kunstakademie in Tokyo auf, um in den jungen Japanern ein kritisches Bewusstsein gegenüber dem von Japan aggressiv betriebenen Walfang aufzurufen. Wie Marc und Steiner spricht er von der Gruppenseele der Tiere, die eine größere Nähe zu Gott aufweist, als die individuelle, aus der Natur vertriebene Seele des Menschen, die um Erlösung ringen muss, während das Tier der Schöpfung angehört und nicht von Gott, sondern vom Menschen, vom animal rationale, verfolgt und ausgerottet wird. Das Tier hat sich zum höheren, zum Menschen hin erlöst, sagt Beuys zur Erklärung seiner einstündigen, berühmten Tieraktion Coyte III in Tokio, und ist dadurch seinen Instinkten entkommen, also zum nicht festgestellten Tier geworden, zu einem Menschentier, das, so meint es Nietzsche wohl, sich selbst noch nicht kennt. In diesem noch ist die ganze Hoffnung, die Utopie von einem größeren Menschen eingeschrieben als der, der so unzulänglich die Welt zu beherrschen sucht und den Nietzsche den letzen Menschen nennt. Marc sieht von diesem Geist berührt im Menschen ein „Übergangsprodukt wie Tier und Pflanze“7 für den es einen Weg zu finden gilt oder wie es Martin Heidegger bezogen auf Nietzsches Begriff des letzen und Über-Menschen formuliert: „ es muß die Brücke gefunden werden zu dem Wesen, als welches der bisherige Mensch der Überwinder seines bisherigen und letzten sein kann.“8 An dieser Brücke bauen nicht viele Geister, denn ihre schwierige Konstruktion ist dem herkömmlichen Denken schlicht unverständlich. Diese Brücke soll zu dem wahren Menschen führen, der in das alttestamentarische Recht gesetzt ist, die Erde seinem Willen zu unterwerfen, was nicht heißt, sie auszubeuten und zu vernichten, sondern sich das geistige Rüstzeug zu erwerben, was dieses Recht auszuüben überhaupt erst erlaubt. In diesem Sinne ist der Mensch Übergangsprodukt, wie Franz Marc schreibt oder ein Hinübergehender, ein Übermensch, wie Nietzsche es formuliert hat. Ich zitiere Martin Heidegger, um allen Missverständnisse vorzubeugen, die mit diesem Begriff verbunden sind: „Mit diesem Namen meint Nietzsche gerade nicht einen bloß überdimensionierten bisherigen Menschen. Gemeint ist auch nicht eine Menschenart, die das Humane wegwirft und Willkür zum Gesetz hinauftreibt und eine titanische Raserei zur Regel macht… Die Wesensgestalt dieses Menschen, der recht gedachte Übermensch, ist kein Produkt einer zügellosen und ausgearteten und ins Leere hinausstürmenden Phantasie. Er ist eine Brücke, er ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch.“9

Marc ist mit seiner von Nietzsche beeinflussten Tierphilosophie ein Vorreiter, der seiner Zeit gemäss ein anderes Feld bestellen muss, als der viel spätere Beuys. Das Tier ist bei Marc zunächst der perspektivisch-geistige Fluchtpunkt zum Abstrakten hin, das hier nicht die dekorative Leere im heutigen materialistischen Sinne meint, sondern in der Abstraktion den geistigen Reichtum sucht, das „zweite Gesicht, das ganz indisch-unzeitlich ist“10, wie Marc in der Diktion Nietzsches schreibt.

Marc sucht wie Beuys in der „Abkehr von allen Grimassen“ nach der Wahrheit oder bezogen auf Nietzsches Begriff des noch nicht Festgestellten, festzustellen, was der Mensch sein könnte. Am Beginn des Krieges, den er nicht überleben wird, herrscht das allgemeine Gefühl einer allumfassenden geistigen Sinnkrise, die sich in den Feuern der Schlachten läutern sollte, die aber nur in einen noch geistloseren Materialismus führte, aus dem wir bis heute nicht wieder herausgefunden haben. Marc antizipierte in seinen Tierbildern in gewisser Hinsicht diesen Prozess, dessen Entwicklung er freilich nicht voraussehen, sondern in seiner grundsätzlichen Skepsis dem Menschen gegenüber nur fürchten konnte. Der geniale Kunstschriftsteller Carl Einstein warf in seinem Text über Franz Marc in der berühmten Propyläen-Kunstgeschichte des 20.Jahrhunderts am Ende die entscheidende Frage auf. Er schreibt: „Dieser Tierbildnerei liegt ein asketisch-christlicher Pessimismus zugrunde. Die reinen Geschöpfe bildend, beklagt man die Verderbtheit des Menschen; doch selbst die Natur ist unrein, und so flieht man, seinem Innern stets distanziertere Gesichte, reine Ideen abzukämpfen. Die Erbsünde jagt zum Abstrakten: doch ob man selbst die geistige Reinheit besitzt?“11

Dieser selbstvergessene Durchgang durch das Tier, die atavistische Seelenwanderung zurück in den Ursprung um ein, wie Einstein formuliert „optisches Nu“12 zu erreichen, in dem die Reinheit bildnerische Wahrheit wird, konnte trotz der beeindruckenden Bilder, die wir aus diesem zu früh abgebrochenen Werk kennen, nicht gelingen. Die erhoffte metaphysische Erweiterung formaler Gestaltung bedeutet letzten Endes und ich zitiere nochmals Einstein, eine „Verminderung der Welt um eben dieser Reinheit willen.“13 Beuys war angetreten, um dieser Gefahr der Verminderung durch eine Erweiterung des Kunstbegriffs entgegen zu wirken. Was Marc beklagte, dass er zwar durch die Natur hindurch die reine Linie des Denkens gewahre, es aber ihm fast nie gelang; „sie mit dem Leben zu verknoten, wenigstens nie mit dem Menschenleben (darum kann ich keine Menschen malen)“14 ist bei Beuys in radikaler Weise umgekehrt, alle seine Werke waren auf den Menschen hin gedacht. Und mehr noch, wie Paulus versuchte er einen neuen Universalismus zu schaffen, in dessen Zentrum aber nicht die Auferstehung, sondern die kosmische Kraft des Plastischen als der wirkliche Ausdruck von Freiheit stehen sollte. Seine Begegnung mit dem Tier suchte nicht die Reinheit, sondern jene unauflösbar ganzheitliche Verflechtung, die das Tier als Voraussetzung und Bedingung des Menschen respektieren muss.

Marc und Beuys haben auf unterschiedliche Weise die fatale Entfernung des Menschen von der Natur ausgemessen. Beide sind an den unterschiedlichen Bedingungen ihrer Zeit und den eigenen Maßstäben gescheitert. Die Forderung und der Wunsch, das vernunftbegabte Tier Mensch möge im Einklang mit der Natur leben wird unter Verhältnissen zum radikalen politischen Programm, wo dieser Einklang nur noch wie ein fernes Echo einer mythischen Weltbeziehung verstanden wird und nicht als eine unser Überleben garantierende Notwendigkeit.

Zum Autor:

Prof. Dr. Eugen Blume ist Leiter des Museums “Hamburger Bahnhof” in Berlin

1 Franz Marc, zit.n.: Carl Einstein, Die Kunst des 20.Jahrhunderts, Propyläen Kunstgeschichte, 3.Auflage 1931, Nachdruck: Leipzig 1988, S. 282
2 Franz Marc, zit.n. :ebenda
3 Franz Marc, zit.n.: Heinz Demisch, Franz Marc. Der Maler eines Neubeginns, Berlin-Hannover 1948, S. 83
4 Walter Benjamin, Allegorien kultureller Erfahrung, ausgewählte Schriften, 1920-1940, Leipzig 1984, S.11
5 Franz Marc, zit.n.: Demisch 1948, S.79
6 Franz Marc, zit.n.: Einstein 1931/1988, S.
7 Franz Marc, zit.n.: ebenda, S. 286
8 Martin Heidegger, Was heißt Denken?, Stuttgart 1992, S. 39
9 Heidegger 1992, S. 39
10 Franz Marc, zit.n.: Einstein 1931/ 1988, S.283
11 Einstein 1931/1988, S.283
12 ebenda
13 ebenda
14 Franz Mark, zit.n.: Einstein 1931/1988, S. 285

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