Aktueller Beitrag aus der Spielgruppenarbeit / Vertiefungsbereich interkulturelle Arbeit

Spielgruppe am Wohnheim am Kreisel. Spielgruppenthema: Gestaltung der Jahresfeste in und außerhalb Europas, Beispiel: Michaeli und ein kleiner Bericht aus der Spielgruppenarbeit am Montag den 25.09.2017

Das Michaeli-Fest habe ich, besonders in meiner Kindergartenzeit in Lima, Peru, sehr geliebt. Es wurde draußen ein riesengroßer Parcours aufgebaut. Man musste ganz hoch klettern, balancieren, durch einen Hula-Hoop Reifen springen und mit einem Feuerball werfen.
Auch in meiner Schulzeit in der Schweiz (ich glaube es war in der 5. Klasse), gab es zu Michaeli eine riesige Schnitzeljagd, die von den Lehrern und Oberstufenschülern organisiert wurde. Sie fand in einem großen Wald statt. Wir waren in kleinen Teams unterwegs und bekamen immer neue Aufgaben, die wir so gut und so schnell lösen mussten, wie wir konnten. Genauso wie schon in Lima, war dies ein echtes Ereignis!
Doch was steckt dahinter? Worum geht es überhaupt?

Nun habe ich mich mit den Themen Michaeli und den christlichen Jahresfesten in Verbindung mit den Vorgängen der Natur beschäftigt. Hierbei kam die Frage auf: „Ist es sinnvoll diese Feste sowohl auf der Südhalbkugel wie auch auf der Nordhalbkugel in der gleichen Art und Weise zu feiern?“ Dabei lag mir mehr, die gedankliche Auseinandersetzung mit diesen Fragen am Herzen, als die Suche nach einer allgemeinen und konkreten Antwort.

Wie der Jahreslauf in Zusammenhang mit den Christus-Kräften steht:
Die Christuskräfte, die erst einmal nur geistige Kräfte sind, wurden durch die Inkarnation Jesu, dessen Tod und Auferstehung, auch zu im physischen wirkenden/ lebenden Kräften. Sowohl in der Erde wie auch im Menschen. So beschreibt Rudolf Steiner, wie sich diese Christus-Kräfte in der Erde sichtbar machen durch das Pflanzenwachstum. Bildlich kann man es sich wie das Ein- und Ausatmen vorstellen: Im Winter ist die Erde, obwohl sie nicht danach aussieht, wach. Die Christus- oder auch kosmischen Kräfte haben sich in ihr versammelt (die Luft ist in der Lunge). Im Frühling findet das Ausatmen der Kräfte statt. Die Schneeglöckchen sind eine der ersten Boten dieser Kraft, bis dann im Sommer alles dasjenige, was das Potential zum Wachsen hat, steht und grünt. Die Kräfte wurden sozusagen von der Erde wieder in den Kosmos hinaus geatmet. Nun schläft die Erde mehr oder weniger im Innern, in Ihr befindet sich keine „Luft“. Im Herbst jedoch, ziehen sich die Kräfte wieder in die Erde zurück, die Pflanzen werfen ihre Blätter ab, die äußere Erscheinung der Natur verliert an Kraft, wird leblos, doch unter der Erdkruste sind die geistigen Kräfte wieder „aktiv“ geworden. So haben die Vorgänge der Natur im Jahreslauf eine direkte Verbindung mit der geistigen Kraft des Christus. Die Erde kann auch als Spiegel betrachtet werden, welcher im Sommer die kosmischen Kräfte wiederspiegelt (durch das Aufblühen der Natur). Die kosmischen Kräfte werden somit in der Natur sichtbar, aber gleichzeitig ist die Erde auch nicht mehr für diese durchlässig.

Mit den Jahreszeiten ist es auf der Südhalbkugel (meistens) anders bestellt, als auf der Nordhalbkugel, sie finden genau entgegengesetzt statt. Wenn es in Deutschland oder der Schweiz herbstlich wird, wird es z. B. in Lima Frühling, was nicht bedeutet das überall die Blumen sprießen, es wird einfach wieder etwas wärmer und heller. Der Herbst und der Frühling sind in der Hauptstadt Perus nicht so ausgeprägt und bezeichnend, wie in Europa. Trotzdem werden diese christlichen Jahresfeste wie Ostern, Johanni, Michaeli und Weihnachten, auch in Lima, vor allem in den Waldorfeinrichtungen, gefeiert.

Zur gleichen Zeit also finden zwei unterschiedliche Phänomene statt. Auf der Nordhalbkugel ist es Sommer und die Christuskräfte gehen in den Kosmos während es auf der Südhalbkugel Winter ist und die Christuskräfte in der Erde sehr wach sind.

Auf der Nordhalbkugel wird es Ende September zur Michaeli-Zeit langsam immer dunkler und die Blätter fallen von den Bäumen, die „äußere“ Natur „schläft“. Doch sollen wir und die Erde auch schlafen? Die Kraft des Michaeli, kann ein inneres Bild von dem Sieg des Lichtes gegen die Finsternis darstellen. Es kann durch diese Feierlichkeit an den Willen erinnert werden, an die innere Kraft, welche uns dienen kann. So können wir entgegen den Vorgängen der äußeren Natur, innerlich wach werden/bleiben, so wie die Erde es auch innerlich macht: die kosmischen Kräfte versammeln sich wieder in ihr.
Anders ist es auf der Südhalbkugel. Da ziehen sich Ende September zur gleichen Zeit, die Christuskräfte aus der Erde zurück in den Kosmos.

Und nun nochmal die Frage: Wie sollte/könnte man Michaeli auf der südlichen Erdhalbkugel feiern? Was für ein inneres Bild, entsprechend der Kultur, der Natur und der kosmischen Kräfte möchte ich in dieser Zeit bewegen?

Vera Hoffman, eine deutsche Klassenlehrerin, die viel mit interkulturellen Klassen gearbeitet hat, hat die Jahresfeste in Perú als auch in Kenia näher betrachtet und hinterfragt. In ihren Ausarbeitungen zu diesem Thema, erzählt sie (inspiriert durch Neil Boland) von dem Bild einer Raupe. Eine Raupe, der die Flügel an den Kokon geklebt werden, statt, dass sie diese durch ihre eigene Metamorphose bildet.
Überbringen wir nun „fertig“ entwickelte Jahresfeste von Europa nach Südamerika und feiern sie dann einfach in einem unstimmigen Kontext (also wie ein Schmetterling, der seine eigene Metamorphose verpasst hat) oder können wir durch waches Einfühlungsvermögen für das Land und die Jahreszeiten im südlichen Raum, eigene, vielleicht auch schon längst jahrzehntelang bestehende Jahresfeste pflegen, neu erwärmen und gestalten? In diesem Fall würde die Raupe durch ihre eigene Metamorphose zum Schmetterling werden.
So denke ich, ist es nicht sinnvoll, die Jahresfeste einfach von der Nordhalbkugel auf die Südhalbkugel zu übertragen, denn das würde die Authentizität und Wahrhaftigkeit des Festes ins Wanken bringen.

Wie haben wir, als kleines Ausbildungsteam der Spielgruppe am Kreisel das Michaeli-Fest für die Kinder geflüchteter Familien vorbereitet?
In unserer Spielgruppe am Montag den 25.09.17 gestalteten wir unser Michaeli-„Fest“ so, dass wir für die Kinder zwei Sachen anboten: Eine Aktivität die Wärme von außen bringt: Waffeln backen, und eine andere, welche die Kinder durch die eigene Bewegung erwärmt, ja vielleicht sogar begeistern könnte: Zirkus.
Die Zirkusgegenstände waren sehr neu für die Kinder. Wir hatten: Jonglage-Tücher, Diabolos, Springseile, kleine Holzklotz-Stelzen, Jonglage-Keulen, Hula-Hopps, Matten, Bälle und Drehteller.
Vielleicht etwas zu viel Auswahl, aber es war schön zu beobachten, wie sich manche Kinder an den verschiedenen Gegenständen erprobten und auch zwei Väter vorbei kamen, um dies auszuprobieren. Das, was den Kindern aber am aller meisten Freude bereitete war, durch den Hula-Hopp-Reifen zu springen. Immer sicherer, immer weiter, immer höher, immer origineller. Es entstand auf einer Seite des Raumes, eine ganz lange Schlange, auch der Einjährige stand an dieser an und lief immer wieder hindurch.
Auch saßen wir einmal nur zu dritt auf den Matten und warfen uns einen Ball zu. Wir entwickelten zusammen ein System, welches uns half, den Ball fast nicht mehr auf den Boden fallen zu lassen. Jeder musste vor dem Wurf, mit dem anderen Blickkontakt aufnehmen und dann sagen „und hopp…“ und dabei den Ball zum anderen werfen. Es entstanden ein Rhythmus und viel Freude daran, dass es so flüssig klappte. Und diese Konzentration beim Ballspiel ist gar nicht selbstverständlich, sondern eine echte innere Anstrengung von jedem Kind, sodass etwas Gemeinsames entstehen konnte.

Und so dachte ich: „Manche Dinge sind doch sehr universell. Dass die Kinder in Lima, wie auch die Kinder in Kassel, zur gleichen Zeit, zum gleichen Fest aber zu einer unterschiedlichen Jahreszeit, gerne durch einen Hula-Hoop-Ring springen.“

Außerdem entdeckte ich für mich einen neuen Aspekt des Michaeli-Festes, nämlich die Fähigkeitsbildung als Zukunftsimpuls und dies als Sinnbild für das Michaeli-Fest.

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