Die Kinderkonferenz

Artikel für „Seelenpflege in Heilpädagogik und Sozialtherapie“ 3 / 2015
Heiner Prieß, Lübeck 06.01.14

Die Kinderkonferenz dient dazu, das einzelne Kind besser zu verstehen. Mit verstehen ist hier gemeint, daß der Erzieher seinen Standpunkt verlässt und versucht, sich in das Kind einzufühlen und sich in seine Lage hineinzuversetzen. Von diesem neuen Standpunkt kann er das Kind anders sehen. Und wenn die Konferenz erfolgreich war, hat sich der Blick des Erziehers auf solche Art verändert, daß sich das Kind besser verstanden fühlt.

Ein Beispiel:
Die sechsjährige Anne ist bei der Ärztin, welche die Schulreife feststellen muß. Die Ärztin legt ihr drei Kärtchen vor, auf denen Häuser in verschiedener Größe abgebildet sind, und fragt: „Dies ist ein kleines Haus, dieses Haus ist größer, und dieses hier ist am . . . ?“ „größten“ sagt Anne. „Richtig!“ Anne hat den Test bestanden. Sie ist froh und erwartungsvoll – was kommt nun? Nun kommen drei Kärtchen mit Zwergen. Die Ärztin fragt wieder: „Dies ist ein kleiner Zwerg, dies ist ein großer Zwerg, und dieser . . . ?“ „Das ist der Vater!“ antwortet Anne und merkt schnell an der Reaktion der Ärztin, daß sie etwas falsch gemacht hat. Sie ist verunsichert, fast ängstlich und sucht den Blick der Mama. Die Mama nickt ihr zu und sagt: „Das ist der Vater! Sieht man doch, der ist ja am größten.“ Da fühlt sich Anne verstanden gleichsam von oben bis unten und ruckelt sich auf ihrem Stuhl wohlig zurecht.
Aus der eigenen Kindheit wissen wir, wie schmerzhaft es war, wenn uns die Erwachsenen nicht verstanden, und wie erlösend, wenn wir jemanden fanden, der uns verstand – aber nicht in einem diagnostischen Sinne, sondern so wie Anne verstanden wurde, die gefühlt hat, wie ein liebevoller Wärmestrom durch sie hindurchging, in dem sie sich wieder finden konnte, als sie dabei war, sich in Unsicherheit zu verlieren.
Bei der Kinderkonferenz geht es um die Unsicherheit der Erzieher, die sich fragen, was braucht dieses einzelne Kind, das ihre Aufmerksamkeit in besonderer Weise weckt oder beansprucht? Wie können sie ihm besser gerecht werden? Sie sind zum Beispiel noch unsicher, ob das Kind sie herausfordern will, weil sie etwas in sich verbergen, für das es sich interessiert, oder ob seine Provokationen Hilferufe sind, die seine Erzieher wecken sollen, so daß diese sich fragen, was für Motive unter der Oberfläche der Äußerungen des Kindes verborgen sein mögen.
So steht zumeist eine Frage am Beginn der Kinderkonferenz. Bei der Suche nach Antworten begeben sich die Erzieher auf einen Weg, der ihnen noch unbekannt ist, einen Erkenntnisweg, auf dem sie sich gewissermaßen von dem betreffenden Kind führen lassen. Der Weg geht von außen nach innen, von der Beschreibung der Gestalt des Kindes, seiner Bewegungen, seiner Sprache, seiner Fähigkeiten usw. zu einem tieferen Verständnis seiner Individualität und seinem Lebensmotiv. So könnte zum Beispiel am Anfang der Beschreibungen noch davon gesprochen worden sein, daß das Kind leider immer wieder wegläuft, und am Ende herauskommen: das Kind läuft weg, weil es erleben möchte, gesucht, gefunden und gehalten zu werden. Nach der Konferenz wird das Kind anders gesehen, und das bedeutet, daß es sich auch anders zeigen kann. Es muss jetzt vielleicht nicht mehr weglaufen, weil es das Gefühl hat, dass der Erzieher ihm näher gekommen ist.
Auch die Kinderkonferenz selbst ist noch auf dem Weg. Sie hat im Laufe der Zeit einen signifikanten Entwicklungsprozeß durchgemacht. Am Anfang war der Blick ausschließlich auf das Kind gerichtet.

Besonders in der Heilpädagogik war die Sichtweise zunächst medizinisch geprägt, um von Diagnosen zu Therapien zu kommen. Bei Kindern mit Entwicklungsstörungen war das eine geeignete Form, nicht aber bei milieugestörten Kindern. Diese zeigten oft am Tag nach der Kinderkonferenz ein rebellisches Verhalten. Verständlicherweise, denn ihre Verhaltensauffälligkeiten waren durch die für sie verantwortlichen Erwachsenen verursacht. Für diese Kinder musste der Schwerpunkt der Kinderkonferenz auf die Betrachtung des sozialen Umfeldes gelegt und die Erwachsenen mit ihren unterschiedlichen Beziehungen zu dem Kind in die Betrachtung einbezogen werden. So waren es die besonderen, die originellen Kinder, die auch hier die Entwicklung herausgefordert und vorangebracht haben. Heute kommt immer mehr der Schulungsaspekt der Kinderkonferenz für die Erzieher in den Blick und ihre Bedeutung als eine spirituelle Quelle für das Kollegium.
Inzwischen gibt es verschiedenste Formen der Kinderkonferenz. Eine äußere Form, ein Programm, ist insofern wichtig, als es den inneren Erkenntnisweg lenken soll. Um angesichts der sich ständig wandelnden Lebensumstände sowie der raschen Entwicklung in der Pädagogik nicht den Anschluss zu verlieren, ist es aber sicher besser, immer wieder neue Formen zu finden und auszuprobieren, als sich an alte Gewohnheiten zu klammern.
Der Erkenntnisweg von außen nach innen, vom Exoterischen ins Esoterische, ist allerdings schon tausend Jahre alt. Er ist in der Schule von Chartres gebahnt worden. Unter anderem kann man, wenn man in der Kathedrale in das große Labyrinth hineingeht, im Erlebnis entdecken, daß hier eine Form gegeben ist, die als Abbild dieses inneren Weges gedeutet werden kann: am Anfang stehe ich noch draußen und habe einen umfassenden Überblick, aber durch Distanz. Wenn ich hineingehe verliere ich den Überblick, aber nicht die Orientierung, weil der Weg mich führt. Im Fortschreiten kommen mir immer neue Aspekte in den Blick. Das Ziel scheint manchmal zum Greifen nah, um dann doch wieder in die Ferne zu rücken. Bin ich in der Mitte des Labyrinthes angekommen und nicht gleichgültig hindurchgegangen, bin ich ein Anderer geworden, zumindest habe ich meinen Standpunkt verändert. Ich schaue aus einem anderen Zentrum in die Welt. „Eindringliche Erkenntnis“ nennt Rudolf Steiner im „Heilpädagogischen Kurs“ diesen Vorgang, den das Labyrinth abbildet.

Die drei eindringlichen Erkenntnisschritte:
1. die Beobachtung von außen,
2. das Hineingehen in die Beobachtungen, um ihre Zusammenhänge und Bedeutungen zu erfassen,
3. und schließlich das Verstehen, das Verändern des Standpunktes und der Sichtweise können in
der Kinderkonferenz auf verschiedenen Ebenen geübt werden.

Der Programmablauf kann wie oben geschildert von der Betrachtung der äußeren Erscheinung des Kindes ausgehen. In weiteren Vertiefungsschritten versucht man über die Beschreibung seiner Bewegungen, seiner Sprache, seines Sozialverhaltens und seines Denkens und Fühlens zu einem besseren Verständnis seiner Handlungsmotive zu gelangen.
Auch im inneren Ablauf können wir unterschiedliche Vertiefungsstufen erleben: die Beschreibungen nehmen die Teilnehmer nicht gleichgültig auf. Sie wünschen sich genaue und liebevolle Schilderungen, die ihnen das Kind nahebringen. Sie möchten sich im Laufe der Besprechung immer besser in das Kind hineinversetzen können und ein frisches und wahrhaftiges Bild von ihm in sich tragen. Wenn das gelungen ist kommt es oft vor, daß das Kind am nächsten Tag in seinem Verhalten die neu gewonnene Nähe bestätigt und zeigen kann, was es bislang verbergen mußte.

Die Kinderkonferenz kann auch ein Schulungsinstrument für den Erzieher sein, weil durch sie seine Aufmerksamkeit und die Fähigkeit der Beschreibung gesteigert werden, weil sein Selbstgefühl in Mitgefühl verwandelt wird, wenn er versucht, sich in das Kind hineinzuversetzen, und weil das gemeinsame Streben nach Verständnis zu Einigkeit im Kollegium führt.
Die Kinderkonferenz, wie sie hier geschildert wurde, kann eine kollegiale meditative Übung sein, in deren Mitte das einzelne Kind steht, von dem sich die Erwachsenen führen lassen wollen. Wie jede kontinuierliche geistige Tätigkeit muß sie aus einem freien Entschluß gewollt, gepflegt und gegen den Arbeitsalltag verteidigt werden. Oft ist der Druck von außen so groß, daß die Kraft für die innere Arbeit erlahmt. Das wird mit Schmerzen erlebt, wenn man weiß, daß gerade mit der inneren Arbeit auch die Kraft wachsen kann.
Auch mit geringem Aufwand ist es möglich, eine Kinderkonferenz durchzuführen. Sie muß nicht vorbereitet werden, dauert nur etwa zwanzig Minuten und man braucht nur zwei Kollegen dazu. Ich möchte diese Form „Entwicklungstrialog“ nennen und den Ablauf darstellen:

Entwicklungstrialog:
Eine Person A schildert, eine Person B fragt, eine Person C beobachtet.
A beschreibt ein Kind.
B soll ein klares und lebendiges Bild bekommen oder erfragen. Wenn B das Kind kennt, soll B versuchen, die Sichtweise von A einzunehmen. Wenn B ein Bild gewonnen hat, unterbricht B die Beschreibung und stellt dar, was für ein Bild entstanden ist.
A bestätigt oder korrigiert das Bild, das B dargestellt hat.
Dadurch wird das Bild deutlicher. Außerdem kann B einen Eindruck von der Beziehung zwischen A und dem Kind bekommen. B schildert den Eindruck. A und B versuchen gemeinsam eine neue Sicht auf das Kind, eine Veränderung in der Beziehung oder einen neuen Handlungsansatz für A zu finden.
C schweigt, um aus dem Geschehen zu lernen und das Gelernte später anzuwenden, wenn C beim nächsten Mal selbst in der Position von A oder B ist.
Auf diese Weise kann über eine Reihe von Entwicklungstrialogen durch den Wechsel der Positionen schrittweise die Qualität von Beobachtung, Beschreibung und Verständnis verbessert werden. Wenn man nach drei Konferenzen zurückblickt und sich die guten und die weniger guten Momente ins Bewußtsein ruft, können Form und Ablauf des Trialogs verändert werden, um Lebendigkeit und Beweglichkeit zu erhalten. Diese sind geeigneter, dem Kind näher zu kommen, als eine starre Form. Im Laufe der Übung wird man erleben können, daß das Kind auf unbewußte Weise in den Trialog hineinwirkt und immer mehr dessen Form und Ablauf mitbestimmt. Man könnte auch sagen, daß es uns auf dem Erkenntniswg entgegen kommt, weil es verstanden werden möchte.
Auch für die Sozialtherapie ist ein „Entwicklungstrialog“ ausgearbeitet worden. Er kann hilfreich sein, wenn man über einen Betreuten sprechen muß, weil man nicht mit ihm sprechen kann. Hier geht es ebenfalls um den Gewinn einer neuen Sichtweise, eine Veränderung der Haltung und Handlungsmotive.

Entwicklungstrialog für die Sozialtherapie:
A schildert eine charakteristische Situation mit dem Betreuten.

B fragt eventuell nach, bis er/sie sich ein lebendiges Bild von der Situation machen kann und
schildert es
A bestätigt oder korrigiert und ergänzt, wo es nötig ist.
B versucht sich in die Lage des Betreuten hineinzuversetzen und äußert, was der Betreute in der
betreffenden Situation gedacht, gefühlt und gewollt haben könnte.
A äußert, was er/sie selbst gedacht, gefühlt und gewollt hat.

Wenn der Entwicklungstrialog regelmäßig wiederholt wird, mit anderen Situationen und anderen Betreuten und von Mal zu Mal die Rollen A, B und C gewechselt werden kann man in einen Lernprozeß kommen. Auf diese Weise können praxisnah Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen und das Verständnis für den Anderen ausgebildet werden.

Gut ist, wenn man den Entwicklungstrialog aus dem Berufsalltag heraushebt, zum Beispiel in dem man am Beginn und am Ende die Wochensprüche der Geburtswoche des Betreuten und des Betreuers aus Rudolf Steiners „Seelenkalender“ nebeneinanderstellt, oder den einen am Anfang und den anderen am Ende liest, oder etwas anderes wählt, das geeignet ist, um darauf aufmerksam zu machen, daß man eine geistige Quelle pflegen will.

Johannes Wolter

Ausbildungen zum Heilerzieher, Lehrer an heilpädagogischen Schulen und Waldorflehrer

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