Die Einflüsse von Vererbung und Umwelt auf die Inkarnation des Kindes

Artikel für „ARTE DELL’EDUCAZIONE“ 1 quadrimestre 2014
Heiner Priess, Lübeck, 07.12.2013

Um die Inkarnation des Menschen wirklich zu verstehen ist es hilfreich, sich an eine Situation zu erinnern, in der man einmal völlig die Orientierung verloren hatte und in Panik geriet. Zum Beispiel, wie man als kleines Kind einmal in Todesangst kam, als man auf dem Bahnhof, im Kaufhaus oder auf einem Fest im Gedränge seine Eltern verloren hatte. So muß es sein, wenn der Mensch bei der Geburt seine geistige Heimat verliert und in einen völlig unbekannten Körper in einer völlig unbekannten Umgebung einziehen soll.

Wir wollen an dieses Erlebnis anknüpfen und am Beispiel der Bewegungsentwicklung, den Inkarnationsvorgang untersuchen. Und zwar mit einer vertieften Aufmerksamkeit, einem differenzierten Einfühlungsvermögen und einem Erkenntnisstreben, das die Oberfläche der Erscheinungen durchdringen will. Rudolf Steiner hat für den, der sich auf diesem Gebiet schulen will, unzählige Wege aufgezeigt; Wege auf denen man zu einer Erweiterung und Vertiefung seiner geistigen Fähigkeiten kommen kann.

Betrachtet man mit diesem geschulten Blick die Bewegungsentwicklung des kleinen Kindes, liebevoll und genau, so kann man nach einer Zeit des Übens wahrnehmen und innerlich nachvollziehen, auf welche Weise sich der individuelle Geist des Kindes den vererbten Leib und die physische Umgebung erobert. Man lernt, den Inkarnationsvorgang zu beobachten.

Am Anfang des Weges kann das neugeborene Kind noch keinen Gedanken bilden. Es hat nur zwei elementare Gefühle: entweder geht es ihm gut oder es geht ihm nicht gut. Aber es bringt einen umfassenden Willen auf die Erde. Das ist sein Entwicklungspotenzial, das sich im Laufe des Lebens entfaltet und in dem alle Gedanken und Gefühlen noch als Zukunftskeime schlummern.

Zuerst braucht das Kind diesen mächtigen Willen, um auf die Welt zu kommen, um den Widerstand des mütterlichen Leibes bei der Geburt überwinden zu können. Schon bald müssen sich die Eltern mit der ursprünglichen Willenskraft ihres kleinen Kindes auseinandersetzen. Dabei kann es vorkommen, daß sie sich überfordert fühlen und an ihre Grenzen kommen. Im Extremfall verlieren sie vielleicht sogar die Beherrschung und greifen zu Gewaltmitteln, um ihr schreiendes und tobendes Kind zur Ruhe zu bringen. Physisch sind die Erwachsenen die Großen und die Kinder die Kleinen; geistig gesehen sind oft die Kinder die Riesen und die Erwachsenen sind ihnen nicht gewachsen.

Wie kommt der Willensriese in den kleinen Körper hinein? Dem Kind, das gerade die geistige Welt verlassen hat, ist die pysisch-materielle Beschaffenheit des Körpers noch ganz fremd. Auch ist es noch nicht sein eigener Leib, sondern gewissermaßen ein Fremdkörper, der von den Eltern stammt. Sieben Jahre braucht das Kind, um durch Ab- und Umbau den vererbten Leib zu seinem individuellen Instrument auszubilden.

Wie geschieht dieser Umbau? Wenn man das kleine Kind auf dem Arm hat und es mit offenen Sinnen in die Welt schaut kann man nach einer Weile bemerken, wie die äußeren Eindrücke das Eigenleben des Kindes zurückdrängen und wie die Sinnesreize abbauend wirken. Bald wird die fremde Welt dem Kind zu viel und es verlangt danach, wieder ganz bei sich zu sein. Man legt es dann auf eine Decke, damit es sich wieder seinem Leib zuwenden und nach Herzenslust mit den Armen fuchteln, mit den Beinen strampeln und die Sprachorgane ausprobieren kann. Seine Bewegungen sind noch nicht auf ein äußeres Ziel gerichtet. Sie dienen lediglich dazu, den Leib kennenzulernen. Auf jeden Fall wird das Kind durch die Eigenaktivität allmählich wieder warm, während die passiven Sinneswahrnehmungen, als wir es auf dem Arm getragen haben, eher abkühlend gewirkt haben. Mit dieser selbst erzeugten Wärme beginnt die Schöpfung des eigenen Leibes.

Im Anschluß an diese Beobachtungen können wir zwei polar entgegengesetzte Strömungen feststellen: eine, den eigenen Leib aufbauende Wärmeströmung, die von unten nach oben verläuft und eine „abkühlende“ Gegenströmung, von oben nach unten, in den Sinnen und Nerven, die den vererbten Leib abbaut. Wenn sich beide Strömungen durchdringen, verdichtet sich im Stoffwechsel die Wärme zu Luft, Wasser und fester Substanz. So kann man sagen, daß der vererbte Körper durch die Nerven-Sinnestätigkeit abgebaut und der eigene Leib bis in die Substanz hinein durch die Stoffwechsel-Gliedmaßentätigkeit aufgebaut wird.

An die Substanzprozesse schließen Formprozesse an, wenn das nachahmende Kind äußere Wahrnehmungen und innere Bewegungsimpulse zusammen bringt und die individuelle Gestalt seiner leiblichen Organisation ausbildet.

Die Bewegungsentwicklung zeigt deutlich, wie der ungeformte kindliche Wille durch die Arbeit am Leib Richtung und Ziel bekommt. Das schweifende Auge des Säuglings erblickt etwas und wird dadurch in seiner Bewegung angehalten. Man sagt sogar, der Blick wird gefesselt. Die fuchtelnden Hände treffen sich zufällig. Der Säugling ist verdutzt und wacht ein bißchen auf. Wenn das wiederholentlich geschieht kann er noch wacher werden und sich allmählich erinnern. Bald versucht er das Geschehen selbst zu lenken und die Wahrnehmung der Hand mit den Bewegungsimpulsen zusammenzubringen. Beim unermüdlichen Üben kann man geradezu sehen, wie das Ich den Leib immer besser beherrschen kann und sich an ihm abbildet. Im Greifen-lernen wird auch der Leib ergriffen. Nun will sich das Kind aufrichten. Es sieht so aus, als ob sich der Kopf aus dem „Meer der Bewegung“ erheben will. Beim Gehen-lernen rudern und paddeln die Arme und Beine noch darin, während der Kopf auf der Meeresoberfläche zu schwimmen scheint. Das Kind kann aber noch nicht ruhig stehen, wie ein Radfahrer wird es durch den Bewegungsstrom gehalten.

Von oben nach unten zog das Ich in den vererbten Leib und hat ihn auf seinem Inkarnationsweg ab- und umgebaut. Diese gewaltige Arbeit muß das Kind leisten, wenn es ein gutes leibliches Instument haben will. Wie bei jeder Arbeit muß Kraft aufgewendet werden, besonders wenn der Weg in den Körper schwierig wird. Dann muß mehr Wärme als im gesunden Fall aufgewendet werden. Das Fieber kann helfen, den Widerstand einer zu dichten Erbsubstanz zu überwinden. Wenn das der Individualität nicht richtig gelingt, bleibt fremde Substanz erhalten. Das Kind erlebt diese als Hindernisse wenn es sich mit seinem Leib verbinden will. An ihnen staut sich der Wille des Kindes. Im Extremfall kann es zu einer gewaltsamen Willensanstrengung, zu einem epileptischen Anfall kommen.

Es kann auch sein, daß der vererbte Leib der Individualität zu wenig Widerstand leistet und zu durchlässig ist, so daß das Seelenleben des Kindes zu wenig gehalten und geschützt wird. Dann kommt es zu stark mit der Umgebung in Berührung und wird von Sinneseindrücken attakiert. Diese Kinder sind oft überwach und überempfindlich und brauchen eine Umgebung mit wenig Sinnesreizen und von Seiten des Erziehers viel Verständnis und Mitgefühl.

Wenn das Kind seine Bewegungsimpulse so beherrscht, daß es im Gleichgewicht stehen kann, beginnt ein neuer Entwicklungsschritt. Es steht nun beruhigt der Welt gegenüber und kann verinnerlichen, was es an Eindrücken aufnimmt. Sein Bewegungsdrang wird zurückgenommen und metamorphosiert und verfeinert sich zur Sprachbewegung. In einem weiteren Schritt hört auch die Sprachbewegung auf, wenn das Kind lernt, Gedanken zu bewegen. Wenn das Kind sich seiner Gedankentätigkeit bewußt wird entsteht das „Ich“-Erlebnis.

So wie der Weg in den Leib von oben nach unten geht: über den Blick, den Griff und den Schritt, so führt der Weg in die Welt von unten nach oben über das Stehen, das Sprechen und das Denken.

So wie die vererbte Leiblichkeit die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen kann, so kann auch das Milieu zu stark oder zu schwach auf das Kind einwirken und im Extremfall die seelische Entwicklung so stark stören, daß das Kind Verhaltensauffälligkeiten zeigt. Wird die Willensentfaltung des Kindes durch traumatisierende Erlebnisse oder durch körperliche oder seelische Gewalt zurückgeschockt, bleibt der Wille unter der Oberfläche, wo er nur wachsen aber nicht lernen und üben kann. Irgendwann entläd sich die zurückgehaltene Kraft als ursprüngliche, unbeherrschte Gewalt und tritt als aggressive Entladung zu Tage, gegen Andere oder gegen sich selbst gerichtet.

Bekommt das Kind zu wenig Halt, weil die Erzieher schwach sind oder keine Autorität ausüben wollen, verliert das Kind die Orientierung. Es braucht Widerstand, um sich selbst zu spüren. Wenn dieser zurückweicht droht der Wille des Kindes ins Grenzenlose auszufließen und sich zu erschöpfen, so daß nach innen, für die Organgestaltung zu wenig Kraft bleibt. Im Extremfall wird das Kind antriebsschwach und krankheitsanfällig.

Konstitutionelle Einseitigkeiten und seelische Überforderungen hindern die Kinder in ihrer Entwicklung. Wenn diese Kinder in die Schule kommen sind sie nicht richtig frei für das Lernen, weil sie sich noch mit ihrer Leibbildung beschäftigen müssen oder eine seelische Last tragen, die jemand auf sie abgeladen hat. Sie wollen lernen, aber sie können ihren Willen nicht richtig zum Ausdruck bringen. Sie sind mehr als ihre unbelasteten Mitschüler darauf angewiesen, daß ihr Lehrer sie versteht. Sie sind noch auf dem Weg, auf ihrem Inkarnationsweg, in die Schule, zu ihren Mitschülern und zu ihrem Lehrer.

Literatur:
Rudolf Steiner: Heilpädagogischer Kurs, GA 317
Rudolf Steiner: Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit, GA 311
Rudolf Steiner: Der unsichtbare Mensch in uns, GA 221
Rudolf Steiner, Ita Wegman: Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27
Thomas J. Weihs: Das entwicklungsgestörte Kind; Verlag Freies Geistesleben

Johannes Wolter

Ausbildungen zum Heilerzieher, Lehrer an heilpädagogischen Schulen und Waldorflehrer

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